Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IV (1908)
- Issue
- 5 (22.5.1908)
- Date
- 1908-05-22
- Page
- Seite 36 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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36 LITERATURBLATT No. 5 Sinn-e religiöse, sondern auch eine ethische. Genialität, ja, der l!etz־ teren gebührt ohne Zweifel der Vorrang.“ Das äst ein mutige« — und wahnes Wort. ״Religiöse Spekulationen . . . haben den Propheten völlig ferngelegen.“ In seiner Zerstreuung konnte Israel nicht mehr religiös schöpferisch tätig sein, weil ״die Abhängigkeit von der umgebenden Kultur die freie Bewegung des Nationalgeistes hinderte.“ Aber noch für die heutfge Zeit sieht Joseph den Grund- Charakter Israels im Relligiösen. Vielleicht wäre es besser gewesen, hier anstelle des unklaren'Begriffs des ״Religiösen“ die einzelnen Komponenten, besonders dr.e ethische, gesondert zu verfolgen. Denn für Westeuropa trifft die Charakterisierung der Juden als im wesentlichen religiöser Menschen zweifellos nicht mehr zu. Alles aber läuft auf!einen machtvollen Gedanken hinaus: Für die Zukunft des Judentums, vor allem auch für eine. religiöse, ist der Zionismus die unerlässliche Vorbedingung. Israels ethische Genialität kann sich erst in einem neuen nationalen Leben wieder schöpferisch betätigen. Bis dah'n ist.es dazu verurtedt, im Schlepptau Anderer zu gehen. Auf die politische und ökonomische Seite des Judenproblems geht Joseph, der Anlage des Buches entsprechend, nicht ein. Aber er zeigt, dass Auswanderung und Zerstreuung keine Rettung des Lebens, sondern Beschleunigung des Todes für das Judentum sind. Und das politische Ziel muss feststehen, um den nationalen Kulturbestrebungen des Zionismus J?ückhalt und Aussicht zu geben. Für einen Mann wie Joseph, der den Zionismus von linnen heraus bedingt sein lässt, ist es keine Frage, dass eine Lösung mir in Palästina möglich ist. Eine neu׳e jüdische Kultur in;einem anderen Lande als Palästina, das ist ein unhistorischer Gedanke. Der aufmerksame Leser wird auch nach der Grundlegung dieser Hauptgedanken noch zahlreiche treffliche Bemerkungen finden, auch wenn er nicht mit jeder Einzelheit einverstanden ist.. Zu diesen Einzelheiten gehört auch der unvermutete Rückfall in die providentiellle Betrachtung der Geschichte (S. 116 u. 7.), die sonst glücklich vermieden ist. Die Umstände, denen das jüdische Volk seine Erhaltung verdankt, stelle ich mir auch etwas anders zusammen als Joseph das tut; aber das sind Dinge, die nicht zum Kern der hier behandelten Probleme gehören. Hat man Joseph’s Buch gelesen und überschaut es noch einmal im Geiste, so hat man ein grosszügiges Werk aus einem Guss vor sich. Es ist,, als wäre es an einem Tage niedergeschrieben worden,!lückenlos lebendig, fusch und einheitlich. Aus jeder Zeile spricht der tiefe Ernst eines Juden, der fast fürchtet den letzten Augenblick zu versäumen, an dem sein Wort noch das Ohr der sich vom Judentum Entfernenden erreicht: Sachlich und ohne Spott, aber schonungslos deckt er den Zustanld des heutigen Judentums auf. Ein letzter Weckruf: höre rhu, weil er;angeht! Dass kein