Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IV (1908)
- Issue
- 5 (22.5.1908)
- Date
- 1908-05-22
- Page
- Seite 35 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 5 35 LITER A T U RBL ATT Im 2. Abschnitt geht Joseph dazu über, den nationalen Charakter des Judentums klarzustellen. ■ Er verfolgt die nationalmessianische Idee durch die Jahrtausende und zeigt, dass sie ,,lediglieh der Ausdruck des in die religiöse Form gekleideten,, sich nimmer aufgebenden Lebenswillens Israels“ ist. ״Israel ging im Exil nicht unter, weiil es, nach dem Willen seiner Stärksten und Edelsten, nicht untergeben wollte.“ Damit ist das wundersame Problem der Existenz des jüdischen Volkes in seinem tiefsten Kerne erfasst. Aber sind wir jetzt noch!eine Nation? Das wird bestritten, Joseph vermeidet bei der Diskussion über diese Frage die Gefahr, in die übliche Wortspiiieler'ei zu verfallen, die aus einer willkiirlichen Definition der ״Nation“ das •ableitet, was!ihr gefällt. Er betritt vielmehr den historischen Weg, mit um so grösserem Recht, als Nation ein historischer Begriff ist. Wir waren eine Natoin; wann haben wir aufgehört e,s zu sein? Wir haben nie aufgehört, eine Nation zu sein. Wohl schwand eines nach dem anderen von den üblichen Kennzeichen der Nation, aber eines blieb in allem Wandel der Geschehnisse. Das Bewusstsein der historischen Einheit und der nationale Willle zur Selbsterhaltung. Während des ganzen Mittelalters hat der, Jude an einer nationalen Kultur festgehalten, die in eigenartiger Form in der iüdisehen Ueberlieferung und ihrer Wissenschaft festgelegt war. Erst im 19. Jahrhundert kann ein Zweifel am nationalen Charakter des Judentums mit einem Schein von Recht in Westeuropa auftauchen. Aber die Masse der Juden ist noch immer national und lebt im Osten. Wir sind Splitter, aber ohne das östliche Judentum, verloren. Von dieser Basis aus geht J 0 s e p h weiter, um das Verhältnis des Religiösen und Nationalen im Judentum festzustellen. ״Das religiöse Judentum hat . . . seinen Ursprung und seine Voraussetzung ganz und gar im naEonaleri Leben/Bewusstsein und Daseinswillen Israels;,“ Es ist kein Zweifel!, dass die Darlegungen' unseres Autors an dieser Stelle im orthodoxen Judentum auf lebhaften Widerspruch stossen werden. Denn er bemüht sich durch die Betrachtung der nationalen Entwicklung Dinge dem Verständnis näher zu bringen, die der Orthodoxe prinzipiell ohne Erklärung als von vornherein gegeben und vollkommen hinniimmt. Für jeden aber, der nicht auf orthodoxen Standpunkt steht, kann e,s keinem, Zweifel unterliegen, dass Im Prophetentum sich Phasen einer ge- Schichthöhen Entwicklung zeigen. Der national^ Kultus Israels wird auf nationaler Grundlage im Lauf der Jahrhunderte zum universalistischen Monotheismus. Was aber das Schlagwort von Israel als dem ״Volk der Religion“ in seinem Wesen bedeutet,' das setzt JosephWeiter dankenswert auseinander. ״Israel besass nicht nur eine im engeren ■W