Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IV (1908)
- Issue
- 3 (3.4.1908)
- Date
- 1908-04-03
- Page
- Seite 20 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/8295971-4781796-8238400--660-8190279- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
20 No. 3 LITERATÜRBLATT Unterschied zwischen Stadt und Land festgestellt worden. Ich denke hierbei an eine jüdische Familie in einer Stadt von 30 000 Einwohnern; zwei Töchter dieser Familie überragen die Eltern an Körperlänge und hatten die Volksschule besucht, zwei Söhne und zwei andere Töchter sind kleiner als die Eltern und haben Gymnasium und Töchterschule besucht. Ueber die körperliche Beeinflussung der Schüler durch den Unterricht an höheren Lehranstalten werden wir erst nach mehreren Jahren klare Aufschlüsse bekommen, nämlich deshalb, weil die höheren Lehranstalten noch keine Schulärztn haben (bis auf Sachsen-Meiningen). Man muss zugeben, heute bereiten die Schulen nicht für das Leben, sondern für die künftigen Berufe vor. Da brauchen wir dringend einen ’ Beirat zur Berufflwahl; einmal' muss ärztlicherseits ermittelt werden, zu. welchem Erwerbszweige der Knabe oder das Mädchen tauglich oder nicht tauglich ist, andererseits brauchen wir ein Sachverständigenkollegium,, welches über die wirtschaftlichen Aussichten der einzelnen Fächer Eltern und Kindern Rat erteilen kann. Wer die wirtschaftlichen Bewegungen im Handel und unter den geistigen Arbeitern aufmerksam beobachtet, wird zur Einsicht kommen, dass die ökonomische Lage für jüdische Kaufleute, Aerzte, Anwälte, Techniker sich in Deutschland kaum mehr so günstig gestalten wird als vor 30 Jahren. Besser sind vielleicht in akademischen Berufen die Aussichten für jüdische Mädchen. Wie auf den Gymnasien und Töchterschulen die Kinder oft unnütz gequält werden, liest man in der jüngst erschienenen Monographie Prof. Gurlitts über die Schule. Dieser empfiehlt speziell für die Grossstadtkinder Landerziehungsheime, und wünscht diesen baldige Verleihung der Gymnasialprivilegien. Ein solches Landerziehungsheim könnte unseren Knaben und Mädchen die stählerne Körperkraft bringen, die an unseren Kindern leider heute im Gegensätze zur geistigen Tüchtigkeit vermisst wird. Dort würde den Schülern Gelegenheit gegeben, nicht nur zu Freiluftturnen und Bewegungsspielen, sondern auch zur Vorbereitung für eine dauernde Ansiedlung auf dem Lande. Es wird- Vertrauenspersonen geben, jüdische Lehrer und jüdische Aerzte, bei denen die Schüler besser aufgehoben sein werden als in der Grossstadt. Mit den Fragen der Sozialpolitik uns zu beschäftigen, ist dringend notwendig. Indem wir entschieden die Einführung direkter Steuern (höhere Besteuerung der Erbschaften und der grossen Einkommen) eiutreten, bekunden wir unseren Patriotismus am besten. Es müsste Gelegenheit gegeben werden, in dem Jüdisch-sozialen Bunde über neue Gesetzentwürfe speziell hinsichtlich des Einflusses auf die wirtschaftliche Lage der Juden zu diskutieren. Nur aus dem Grunde dürften viele Juden für antisemitische Kandidaten gestimmt haben, weil ihnen jede politische Belehrung fehlte. Ebenso dringend notwendig ist uns die Kenntnis der Gewerkschaftsbewegung. Die jüdischen Kaufleute sind hierüber noch zu wenig unterrichtet, als dass sie die Gefahren der gegenwärtig sie bedrohenden Fusion der Handlungsgehilfen richtig würdigen könnten. Eine wichtige Aufgabe