Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1908-04-03 · 3 (3.4.1908) · p. Seite 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IV (1908)
Issue
3 (3.4.1908)
Date
1908-04-03
Page
Seite 19 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/8295971-4781796-8238400--659-8190278
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No. 3 LITERATURBLATT 19 mittel. Aber die vegetarische Küche ist, wenn auch nicht kostspielig, so doch zeitraubend und erfordert umständliche Arbeit. Der Spinat muss wiederholt gewaschen und längere Zeit gekocht werden, und bei der heutigen Dienstbotennot will man jede aussergewöhnliche Arbeit vermeiden. Da meine ich, empfiehlt es sich, durch genossenschaftliche Mittel eine oder (für Berlin) mehrere vegetarische Küchen zu gründen. Dort können die Speisen in Qualität und Zubereitung von Sachverständigen, z. B. Aerztinnen, genügend beaufsichtigt und (wenigstens des Abends oder zu beliebiger Zeit) an die Genossenschaftsmitglieder geliefert werden, wodurch für die Hausfrau viel Arbeit gespart wird. Ich komme zu einem dritten Heilmittel. Die physikalische Behandlungsart ist bekanntlich eine noch junge Wissenschaft, leistet aber für Stoffwechselkrankheiten, nervöse Zustände und viele andere Körperaffektionen bewundernswerte Erfolge. Freilich erfordern solche Institute für physikalische Therapie die Anschaffung kostspieliger Apparate, aber es ist bedauernswert, dass keine jüdische Gemeinde in Deutschland, nicht einmal in Berlin, ein derartiges Institut besitzt, während in Russland-sogar kleine Gemeinden eigene Dampfbadeeinrichtungen haben. Schafft man durch Vereins- oder Gemeindemittel solche Institute, so spart man Krankenhäuser. Aus dieser Erwägung heraus äst auch vor kurzem vorgeschlagen worden, an die bestehenden Volksbadeanstalten Heilbäder anzugliedern. Zweifellos gab es bei unseren Voreltern löbliche hygienische Sitten, während in der Gegenwart die sozialhygienischen Vorschriften der Alten abhanden gekommen sind. Noch vor 50 Jahren waren in Deutschland Aderlass und Abfiihrkuren allgemein üblich. Heute ist der Aderlass ganz -aufgegeben und die monatlichen Abfiihrkuren, die für den Gros Städter mit seiner mangelnden Körperbewegung recht wohltätig wären, auf einen kurzen Zeitraum im. Jahre, nämlich auf eine drei- bis vierwöchige Kur in Marienbad, Kissingen, Karlsbad usw. verkürzt. Auch hier bleibt also noch den Gemeinden viel zu tun übrig, um: als Vereine von Berufsgenossen unter ärztlicher Führung die Umkehr zu einer hygienischen Lebensweise in die Wege zu leiten. Ein weiteres Gebiet der jüdischen Sozialpolitik betrifft die Kinder. Die Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit steht bekanntlich auf der Tagesordnung der sozialen Medizin und der Sozialpolitik. In dieser Beziehung geben die Juden ein rühmliches Vorbild durch Pflege und rechtzeitige Zuziehung des Arztes. Rosenfeld sagt mit Recht, wenn es den Juden gelungen ist, die Säuglingssterblichkeit herabzusetzen, so muss dies auch der christlichen Bevölkerung durch einfache soziale Massnahmen gelingen. Die Sorge um das gesundheitliche Wohl der jüdischen Kinder beginnt erst um die Schulzeit. Der Schulberuf beeinflusst Wachstum und Gewicht der Rinder. Es sind darüber schon viele, aber noch nicht zu einem abschliessenden Urteil führende Untersuchungen angestellt worden. Bei Gymnasiasten hat man eine ungünstige Beeinflussung des Verhältnisses zwischen halber Körperlänge und Brustumfang gefunden. Auch ist ein

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.