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Jüdische Rundschau · 1908-04-03 · 3 (3.4.1908) · p. Seite 21

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IV (1908)
Issue
3 (3.4.1908)
Date
1908-04-03
Page
Seite 21 (sequence 5)
Language
German
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No. 3 21 LITERATURBLATT der Gewerkschaften ist es, berufshygienische Forderungen zu erheben; daran mangelt es noch sehr bei den. geistigen Arbeitern, und wenn die Gewerkschaften hier versagen, so können auch die staatlichen Standesvertretungen nichts ausriehten. Eine Neuschaffung von Berufen können und müssen wir durch Einrichtung landwirtschaftlicher Schulen ebenfalls auf genossenschaftlichem Wege erreichen. Einen gesunderen Beruf als den des Landwirts können wir unseren Kindern nicht geben. Deshalb ist es unsere selbstverständliche Pflicht, jede Form der Siedlungspolitik, in welchem Lande auch immer die Ansiedlung erfolgt, zu fördern. Es bleibt mir nur noch übrig, die veränderte Sexualpolitik der Juden in der Gegenwart zu besprechen und besonders die verschiedene Entstehung der christlichen und jüdischen Frauenfrage. Die heute bei allen drei Konfessionen verbreitete Abnahme der Religiosität wird meist dem Aufblühen der Naturwissenschaft und den liberalen Theologen zugeschrieben. Nach meiner Ansicht kommt aber besonders der Mann in Betracht, der zuerst, wenn auch unabsichtlich, die Heiligkeit der Ehe angetastet hat. Sobald die Ehe, dieser Elementarorganismus der Gesellschaft erschüttert wird, gerät auch der ganze soziale Körper in Unruhe. Und das war Malt h us, der zuerst aussprach, die Menschen haben die Tendenz, sich rascher zu vermehren, als die vorhandenen Nahrungsmittel. Daraus ergab sich die neue, dem beginnenden Kapitalismus entsprechende Moral, dass jeder nur soviel Kinder erzeugen dürfe, als er unterhalten könne. Diese neue Moral nahm ihren Siegeszug durch die europäischen Kulturnationen im Laufe eines Jahrhunderts, sie zerstörte auch vollkommen die religiösen Vorschriften der Juden über das sexuelle Leben und brachte dafür das späte Heiraten, die Prostitution und die Geburtenverhütung in Aufnahme. Wenn das berücksichtigt wird, so leuchtet die verschiedene Entstehung der christlichen und jüdischen Frauenfrage ohne weiteres ein. Bei der christlichen Bevölkerung trieb die Maschine, die Industrie die Frau aus dem Hause und entwurzelte den Mittelstand, Bei der jüdischen Bevölkerung dagegen gab es keine Frauenfrage, solange die Männer früh heirateten, und überhaupt die über die Ehe bestehenden religiösen Vorschriften beachteten. Jetzt greift die Malthussche Moral auch unter den Juden Russlands um sich, noch bevor diese eine Emanzipation haben. Vor 900 Jahren wurde die Polygamie den Juden verboten und die Monogamie geheiligt, aber in der kurzen Zeit, in welcher sich die Malthussche Moral einbiirgerte, verlor die Ehe immer mehr ihren Charakter als soziales und pädagogisches Institut. Man sucht schon längst in Frankreich durch Stillprämien, Prämien für hohe Kinderzahl und auf dem Wege der Versicherung, die kinderreichen Familien zu stützen, aber an einen wichtigen Helfer denkt der Staat noch nicht, an den Arzt. Nur dieser kann das namenlose Unglück verhüten, das entsteht, wenn ein geschlechtskranker Mann heiratet, oder wenn absolut heiratsunfähige Personen zur Ehe zugelassen werden. Hier könnten die jüdischen Frauen

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