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Jüdische Rundschau · 1908-03-27 · 2 (27.3.1908) · p. Seite 12

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IV (1908)
Issue
2 (27.3.1908)
Date
1908-03-27
Page
Seite 12 (sequence 4)
Language
German
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12 No. 2 LITERATURBLATT der Juden zum Vorschein, nämlich in dem hohen Beitrag zu bösartigen Neubildungen. Allein auch das ist nur eine Vermutung, Betreffs der Entstehung bösartiger Neubildungen sind wir noch nicht über Vermutungen hinausgekommen. . Wie wir sehen, gibt uns diese exakte Sterbichkeiitsstatistik eine klare Anschauung der. Berufsverschiedenheit, in welcher die christliche und jüdische Wiener Bevölkerung: lebt. Wir können sogar noch eine weitere Folgerung ziehen: wir vermuten, die Krankheitsstatistik der geistigen Arbeiter und der Handarbeiter dürfte Unterschiede im Sinne der Rosenfeldschen Statistik an den Tag bringen. Damit'kommen wir zu einer ganz anderen Theorie über die Häufigkeit dieser Krankheiten unter den Juden. Es handelt sich um Berufskrankheiten, oder: richtiger unr Krankheiten, die durch, das soziale Milieu, wenn auch ' nicht bedingt, so doc h verschlimmert werden;. Nun ist zweifellos durch mehrere Faktoren in den letzten vier Jahrzehnten das soziale Milieu der deutschen Juden ungünstig beeinflusst worden, nämlich durch die Uebersiedlung nach der Gressstadt, Welche sowohl für die Ernährung als für mehrere Körperargane gesundheitliche Gefahren bringt, ferner! durch Aufnahme der Trinksitten, der Geschlechtskrankheiten, der Geburtenverhütung und' der künstlichen Ernährung der Säuglinge. Diese Schädigungen treten in drei Generationen verschieden, aber gesetzmässig auf. In der ersten Generation ziehen die Eltern im höheren Alter nach der Grossstadt, die zweite Generation hat noch Brustnährung erhalten und die Jugend auf dem Lande (in der Kleinstadt) verbracht, aber bereits den Trinksitten, den Geschlechtskrankheiten und der Geburtenverhütung gehuldigt, während die jetzt heranwachsende dritte Generation die Jugend in der Girosstadt verbringt und im Säuglingsalter grösstenteils künstlich ernährt wird. Achtet man auf diese Schädigungen, so wird man das Resultat der Berufs- und Bevölkerungsstatistik, die ebenfalls eine indirekte Methode der Krankheitsforschung abgibt, richtig würdigen. Nach der Berufszählung von 1895 stellten die deuischen Juden 105 319 selbständige bezw. leitende Beamte, 20 639 nicht leitende Beamte und 56 857 Arbeiter, worunter auch die mehr geistig tätigen Handlungsgehilfen eingerechnet sind. 1871 betrug die Zahl der deutschen Juden 1,25 Prozent, dagegen 1900 1,04 Prozent der Gesamtbevölkerung. Aus dieser Tabelle (II) der preussiscben Statistik ergibt sich nun eine fortwährend fallende Sterblichkeit der jüdischen Personen unte r 15 Jahren, dagegen eine steigende über 15 Jahren. Es zeigt sieb wieder die der christlichen Bevölkerung gegenüber verminderte Kindersterblichkeit, aber mit der berühmten Langlebigkeit der Juden ist es in Preussen vorbei. Der Ueberschuss der Geburten über die Sterbeziffer betrug bei ihnen von 1881—85 die Zahl 10,3, dagegen 1896—1901 nur 5,1. (Schluss folgt.)

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