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Jüdische Rundschau · 1908-03-27 · 2 (27.3.1908) · p. Seite 11

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IV (1908)
Issue
2 (27.3.1908)
Date
1908-03-27
Page
Seite 11 (sequence 3)
Language
German
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No. 2 LITERATURBLATT 11 liei'ten, besonders der Neurasthenie und der Hysterie. Ich will zugeben, es besteht hier eine erbliche Anlage. Aber diese genügt m. E. nicht, um den verschiedenen Krankheitsverlauf in der alten und neuen Generation zu erklären. Ich führe ein Beispiel aus.der Praxis an. Ein Elternpaar im Alter von 60 und 58 Jahren hat nacheinander vier Söhne im jugendlichen Alter von 30—32 Jahren an chronischer Nierenentzündung' verloren.' Die Eltern leben in der Kleinstadt, die Söhne seit der Schulzeit in der Grossstadt. Also schliesse ich hieraus, die erbliche Anlage tritt hier in schädigendem Einfluss gegenüber dem sozialen Milieu zurück. Die Theorie von der Rassenentartung ist unhaltbar und damit auch das Heilmittel, das auf dieser Theorie beruht, die Mischehe. Die Geschichte von dem frischen Blutstropfen, der in die jüdische Rasse hineinkommen muss, ist nichts weiter als eine verhängnisvolle Fabel. Denn die Kinder aus den Mischehen stehen ebenso wie die jüdischen Kinder unter der Einwirkung eines und desselben sozialen Milieus. Wir müssen also eine andere Erklärung für das häufige Vorkommen bestimmter Krankheiten unter den Juden suchen. Leider aber fehlt es an einer direkten Krankheitsstatistik. Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund, der als nächste Instanz hierfür in Betracht käme, hat eine Sammlung von Familenkrankengesehichten oder eine Krankenzählung bisher nicht veranstaltet. Das wäre mit grossen, aber nicht unüberwindlichen Schwierigkeiten verknüpft. Es stehen uns nur indirekte Methoden, vor allem die Sterblichkeitsstatistik zur Benutzung. Eine derartige Erhebung hat der bekannte Statistiker Dr. Siegfried Rosenfeld über die Sterblichkeit der Juden in Wien und die Ursachen der jüdischen Mindersterblichkeit angestellt und im ARCHIV FÜR RASSEN- UND GESELLSCHAFTS- BIOLOGIE 1907 veröffentlicht. Rcsenfeld; hat die wichtigste Vorbedingung einer solchen Arbeit, nämlich die Gleichheit der Vergleichsunterlagen, gut erfüllt. Das Ergebnis dieser Statistik liegt in unserer ersten Tabelle vor. Da sehen wir zunächst die an verschiedenen Orten in Budapest, Kopenhagen, der Provinz Posen und im Königreich Preussen gefundene Tatsache der bei den Juden verringerten Kindersterblichkeit. Weiter zeigt sich zu unserer Ueberraschung eine Mindersterblichkeit der Juden an Tuberkulose. Nun ist bei der Lungentuberkulose bekanntermassen das soziale Milieu für die Lebensdauer geradezu entscheidend. Der Reiche kann viel zur Wiederherstellung tun, der Arme aber fällt der Lungenschwindsucht infolge der Berufsschädigung, der Unterernährung, der Wohnungsverhältnisse früh zum Opfer. Ferner besteht ein Unterschied hinsichtlich des Genusses geistiger Getränke. Da ergibt sich eine wesentlich geringere Sterblichkeit der Juden an Lebercirrhose, einer Krankheit, die mit Trunksucht zusammenhängt. Charakteristisch für die jüdische Bevölkerung ist ferner die erhöhte Sterblichkeit an Konstitutionskrankheiten. Es sind Bedingungen vorhanden, dass die Konstitutiomsfehler gewissermassen rein gezüchtet werden, welche sonst infolge ungünstig. wirkender Berufstätigkeit an Komplikationen, namentlich an Lungenschwindsucht zu Grunde gehen. Nur in einer Beziehung, meint Rosenfeld, komme vielleicht eine Rassenschwäche

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