Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1907-12-20 · 19/20 (20.12.1907) · p. Seite 163

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
III (1907)
Issue
19/20 (20.12.1907)
Date
1907-12-20
Page
Seite 163 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/8295971-9046061-8238395--625-8190240
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

N0. 19/20 LITERATURBLATT 163 Platz neben den alttestamentlichen Pseudepigraphen verdienen. Wenn auch ihre Abfassung erst in das spätere Mittelalter fällt, so ist das kein Behinderungsgrund fiir ihren Anschluss, da sie durchgängig auf alten Traditionen beruhen, ja einzelne wird man sogar unter sie einreihen dürfen.. Die meisten dieser Midraschim sind in der von A. Jellinek herausgegebenen Sammlung Bet ha-Midraseh, 6 Bände 1853 bis 1877 enthalten. Weniger von Belang ist die von Ch. M. Hoirowitz in zwei Teilen erschienene Sammlang. Da die von Jellinek veröffentlichten 'Texte bisher von den Forschern wenig oder gar nicht berücksichtigt worden sind, so habe ich es unternommen, sie ins Deutsche zu übersetzen und für den Gebrauch zugänglich zu machen. Die Arbeit war nicht immer leicht, Schwierigkeiten boten.. Textgestalt und Mangel an Interpunktion. Dazu kam noch das Fehlen der Angabe der alttestamentlichen Beweisstellen. Besonders mühselig war es, wenn die Konkordanzen (selbst die neueste von Mandelkern) versagten. Da erforderte oft ein einziges Zitat stundenlanges Nachschlagen. In der Anordnung der Stoffe bin ich chronologisch zu Werke gegangen. Es kommen die hervorragendsten biblischen Gestalten zur Behandlung. Den Schluss werden Legenden über den Messias und die messianische Zeit, über Tod, Grabesleiden, Auferstehung, Paradies, Hölle und; Weltgericht bilden. Die letzteren gerade enthalten reiches Material zur Eschaologie des Judentums und werden sicher vollkommene Gelegenheit zu Ergänzungen der Arbeiten von W. Bousett (,,Die Religion des Judentums im ncutestamentlichen Zeitalter‘‘, 2. Auflage 1906) und von P. Volz (״Jüdische Eschatologie von Daniel bis Akiba“, 1903) bieten. Vom volkskundlichen Standpunkte sollten die kleinen Midraschim schon insofern gebührende Würdigung erfahren, als ein gutes Stück Volksseele in diesen Erzeugnissen der jüdischen Literatur liegt. Tiefe Wehmut und starke Zuversicht spricht sich in ihnen aus. Die Devise aber ist immer: Mag die Gegenwart noch so düster und traurig sein, Gott verlässt die Seinen nicht, das Ende wird für alle Leiden und Qualen reiche Ent- Schädigung bieten. Aber auch vom dichterischen Gesichtspunkte verdienen die kleinen Midraschim Beachtung. Während unter den Händen moderner Dichter die biblischen Gestalten nicht selten zu Zerrbildern werden und ihnen durch die eigene ausschmückende Zutat eine völlig fremdartige Physiognomie aufgedrückt wird, die unser Gefühl verletzt, behalten sie bei den Midrasch- Verfassern ihr ursprüngliches Kolorit. Die Phantasie mag sich noch so umrankend und üppig wuchernd gestalten, allenthalben geschieht es im Geiste der biblischen Schriftsteller. Die dichterische Zutat ist dem Geiste des Alten Testamentes kongenial. Wir haben plastische Gemälde vor uns von grosser Lebendigkeit und Anschaulichkeit. Oft geht durch sie sogar ein frischer, dramatischer Zug mit reichem Wechsel der Szenerie. Mau hört Monologe und Dialoge, bald oben im Himmel, bald unten auf der Erde.. Engel steigen auf göttliches Geheiss hernieder und greifen in die Handlung ein. Bisweilen erscheint Gott selbst auf dem Plan und gibt der kritischen Situation entscheidende Wendung. An der Moderne freilich dürfen die Midrasch-Schilderungen nicht gemessen werden. Wer nicht Sinn fiir Naivität, Einfachheit und Schlichtheit hat. wird sich getäuscht sehen, wenigstens wird er nicht das finden, was ich ihnen vindiziere Es gilt hier das Wort: Wer den Dichter will versteh'n, Muss in Dichters Lande gehn.“ August Wünsche ist in Dichters Lande gegangen. Er hat mit tiefem Verständnis die midraschische Literatur der Juden durchforscht die mit Schönheit und. Phantasie gefühlt sein will, wenn man sie mit dem Ver-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.