Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- III (1907)
- Issue
- 19/20 (20.12.1907)
- Date
- 1907-12-20
- Page
- Seite 162 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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62 LITERATUR BLA TI' N0. 19/20 George Cleinow gehört zu den wenigen Deutschen, die einen tieferen Einblick in das russische Leben getan haben und die mit grossem Interesse und nicht ohne Verständnis dem russischen Leben zu folgen imstande sind. Aber er hat leider von vornherein bestimmte Tendenz und diese vorge- ‘fasste Anschauung verleitet ihn auch oft zu falschen Ansichten. Immerhin sind seine Meinungen beachtenswert, wenn auch in Russland die Toten und die noch Lebendigen zur Zeit so schnell reiten, dass viele Abgaben des erst jüngst erschienenen Buches bereits wieder veraltet sind. Der Grundzug des Cleinowschen Buches ist deutschnational. Aber gleichwohl erkennt er nicht zur Genüge, dass der deutschen Nation eine viel grössere Gefahr in dem durch die Revolution in seinem Nationalgefühl erstarkenden Russland erwächst, als in dem schwachen Polentum, das, wenn es nicht geteilt worden wäre, -der geeignete Pufferstaat gegen die Russenmacht und den Moskowiterdruck für Preussen-Deutschland; geworden wäre. Die Sympathieen, die Cleinow für die russische Gesellschaft hat, beruhen auf einem reaktionären Grundzug seines Charakters der ihn über die Gefahren hinwegtäuscht, die für das Deutschtum in dieser russischen Gesell- Schaft erwachsen, die umso deutschfeindlicher sein wird, je mehr sie sich aus den Renegaten des Deutschtums rekrutiert und heute noch die Fäden nicht ganz zerrissen hat, die sie an das Baltentum knüpft, die aber später denselben deutschfeindlichen Weg gehen werden, wie ihr vorbildlicher Plehwe, der von der Unterdrückung der Juden zu der der Deutschen fortschritt, als ein rächender Tod seinem verheerenden Walten ein Ziel setzte. Aber trotz allem ist das Cleinowsche Buch, das aus mit den Ereignissen gleichzeitigen Artikein entstanden ist. ein wertvolles Dokument zur Zeitgeschickte, das wir nicht übersehen können, wenn wir an die Geschichte des neuerwachenden russischen Reiches gehen, das eine blutigere Revolution durchmacht, als es in Frankreich der Fall war. weil erstlich die Morde von den Herrschenden ausgehen, und dann, wreil ein Barbarenvolk den Kampf durchkämpft, den damals ein Kulturvolk kämtefte. Das Cleinow'- sehe Buch ist lesenswert auch da, wo sich der Verfasser zu falschen Urteilen verleiten lässt. Stil und Darstellung sind einwandsfrei. H. Sachs e. Aus Israels L e h r h a 11 e n. K l e i n e M i d r a s c 11 i 11 zur späteren legendarischen Literatur des Alten Testaments, zum ersten Male übersetzt von A u g. Wünsche, Band 1 Hälfte 1. und 2. Band, Hälfte 1, 2. Leipzig: Eduard Pfeiffer, 1907 -1908. Zu den persönlich wie auf dem Gebiete der hebräischen Forschung sympathischsten Erscheinungen gehört unstreitig der Professor August Wünsche, ein Mann von ausserordentlich geistiger Regsamkeit und gelehrter Fruchtbarkeit, dass er auf den Gebieten, die er besonders zu seinem Arbeitsfeld erkoren hat, stets zu den allerersten zählt. Sein eigentlichstes Gebiet ist aber das der Midraschim und der ganzen haggadischen Literatur der Juden. Hier, wo neben seinem wissenschaftlichen Bedürfnis zugleich ein Erfordernis seines Gemütes, das nach Poesie und Schönheit verlangt, befriedigt wird, hat er bereits Grosses geleistet und seine vorliegenden Uebersetzungen von kleineren Midraschim reihen sich seinen früheren Arbeiten vollgiltig an. Kaum hat uns also Wünsche, der Unermüdliche, mit zwei vortrefflichen Büchern über die Bibel beschenkt, und schon steht er wuede.r mit einer dankenswerten Leistung auf seinem Lieblingsgebiet, der Midrasch-Literatur, auf dem Plan. In seinem Vorwort spricht er sich über die Absicht dieser seiner neuen Arbeit in folgender Weise aus: Die jüdische Midras-ch-Literatur enthält eine grosse Anzahl kleinerer Midraschim, die ihres legendarischen Charakters wegen entschieden einen