Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- III (1907)
- Issue
- 19/20 (20.12.1907)
- Date
- 1907-12-20
- Page
- Seite 155 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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LITERATURBLATT 155 Apostaten am Judentum wurde, und fast geht er noch zu weit, wienn er Spinoza in einer kurzen Eppche seines L'ebens sich einer Art Urchristentum stark nähern lässt. Spinoza ist nur aus dem Judentum heraus zu verstehen und ist immer Jude geblieben. Davon zeugt vor allem der grosse theologisch-politische Traktat, den er als 38 jähriger schrieb. Das Alte Testament!ist hier der Iiaupt'gegenstand seiner Betrachtung, an das neue knüpft ׳er nur hier und da zum besseren Verständnis seiner Zeitgenossen an und vergisst auch hier nicht darauf hinzuweisen, wieviel an ihm jüdisch ist. Bereits ausserhalb der jüdischen Gemeinschaft hat er eine —- verloren gegangene — Grammatik des Hebräischen unter historischen Gesichtspunkten geschrieben. Und denkwürdig für alle Zeit bleibt die Stelle dm 3. Kapitel des theol.- pol. Traktats, wo er über die Wiederherstellung des jüdischen Staates als eine Möglichkeit spricht. Selbst sein grosses Hauptwerk, das erst nach seinem Tode erschien, ist seiner Grundtendenz nach jüdisch; und das kommt in dem bezeichnenden Titel ״Ethik“ zum Ausdruck. Die jüdische Voranstellung des sittlichen Dranges gegenüber dem spekulativen ist damit ausgesprochen, und die ״Ethik“ ,ist nur ein später Ausläufer des grossen jüdischen Prophetenstromes. Das alles hat Hauser fein empfunden, und zu den tiefsten und wahrsten Stellen des Buches gehört die Episode,!in der Spinoza ergriffen wird von der Gewalt der messianischen Idee beim Auftreten Sabbathai Zebi’s. Er hat das Erhabene ' in seiner stillen Kammer gesucht, sein Freund Benjamin pilgerte ihm in der weiten Welt nach — aber beide trafen sich wieder auf dem Fellsen, aus dem sie gehauen waren, im jüdischen Gedanken. Spinoza, der Sinnende, kehrt in seine Kammer zurück, Benjamin, dier Träumer und Stürmer, wandert ins Land der Väter. Diese Episode und viele andere in dem Buche sind durchzogen von einer echten lyrischen Kraft• Sie machen das Lesen dieses Werkes zu einem wahrhaften Genuss, der sich hoch erhebt über das seichte Vergnügen an der üblichen Unterhaltungslektiire. Auch derjenige, dem Spinoza seit Jahr und Tag ein Genosse stiller und feierlicher Stunden ist, liest es mit Gewinn. Ein intimeres, herzliches, menschliches Band verknüpft uns in diesem schönen Buche Hausers mit dem grossen Spinoza.