Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- III (1907)
- Issue
- 19/20 (20.12.1907)
- Date
- 1907-12-20
- Page
- Seite 154 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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154 LITERATURBLATT No. 19/20 Nun der Held des Buches, Baruch Spinoza. Hauser hat ihn als Menschen von ׳innen her zeichnen wollen, nicht als Schöpfer seiner Werke, sondern als Menschen, mit dem man lebt, spricht, umgeht. Es ist ihm gelungen, ihn einzufügen du das Bild seiner Zeit — aber zum schweren Schaden für das Verständnis des grossen Denkers• Der Spinoza, den wir hier sehen, hat zu wenig gemein mit dein Spinoza der Geschichte, um das Charakterbild des geschiichtllichjen Spinoza erläutern zu können. Und das hat seinen Grund darin, dass Hauser den Spinoza nur von der einen Seite her geschaut und begriffen hat, in seinen reiin menschlichen, ich möchte sagen alltäglichen Beziehungen zu seiner Umgebung. Die innere Entwicklung dieses Gewaltigen hat er nicht begriffen und könnte sie darum nicht darstellen. Wir sehen einen Jüngling, der zum Abtrünnigen wird, einen Mann, der das Leben eines Weisen führt; aber wie er das eine und das andere geworden, das hören wir nicht. Das kann nur jemand darstellen, der es selbst durchgekämpft hat, der aüch einmal mit allen Fasern verankert war in der alten jüdischen Tradition und über tausend blutige Gewissensnöte hinweg, im Kampf gegen sich selbst aus dem Rindergllauben hinausgedrängt wurde. — •Und doch fehlen uns in Spinozas Schriften nicht die Marksteine einer inneren Entwicklung. Hauser konnte es nicht nachempfinden, welche gewaltige Tat darin lag, als dieser erste Pfadfinder in heissem Ringen an der göttlichen Autorität der Bibel zu rütteln begann. Nicht Spekulationen über die Natur Gottes oder der Seele, sondern Kritik der Bibel war der entscheidende erste Ketzerschritt Spinozas. Man muss wissen, wie selten Spinoza von sich selbst spricht, um ermessen zu können, wie tief uns seine Worte im 9. Kapitel des theologisch-politischen Traktats in seine Seele blicken lassen: ״Ich will noch hinzufügen, dass ich hi'er nichts schreibe, was nicht das Ergebnis langen und angestrengten Nachdenkens wäre; und obwohl mir in meiner Jugend die üblichen Anschauungen über die Bibel eingeflösst wurden, musste ich sie schliesslich doch aufgeben.“ Auch auf seine spätere Entwicklung fällt in diesem Buche zu wenig Licht. Hier und da bemüht sich Hauser, im Anschluss an bestimmte Vorgänge seines äusseren Lebens ׳entscheidende Wendungen in seinem Innern Vorgehen zu lassen, aber das genügt nicht. Und man scheidet von dem Buche mit dem Eindruck, dass wir zu wenig von der Geistesgrösse dieses Mannes gefühlt haben. Ein Buch, das sich mit Spinoza beschäftigt, muss uns nicht nur zeigen, wann und wie; der Denker schrieb, sondern darf sich auch nicht scheuen, darüber zu sprechen, was er schrieb und dachte. Noch ein Problem im Buche Hausers verdient hohe Beachtung: Spinozas Stellung zum Judentum. Hier hat Hauser einen feinen Instinkt bekundet• Er fühlte es wohl, dass Spinoza nie zum /