Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- III (1907)
- Issue
- 14 (27.9.1907)
- Date
- 1907-09-27
- Page
- Seite 116 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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116 LITERATURBLATT No. 14 kleinlichen Einseitigkeit in der Verwertung des Stoffes. Obermeyer beginnt, als wollte er einen Kanon der jüdischen Diaspora schreiben, und er füllt dann mehr als 100 Seiten mit endlosen Auseinandersetzungen über Seelenfeier und Kaddischgebet. Wer aber den Geist erfasst, in dem das Buch geschrieben ist, dem ist es um dieses Geistes willen wertvoll genug trotz aller seiner Schwächen. Der Jude Ibrahim aus Bagdad, ein Mann von gediegenem jüdischen Wissen und guter allgemeiner Bildung, gibt die Eindrücke wieder, die er in Europa vom Judentum empfangen hat. Er stellt die uralte jüdische Tradition dar, die an ihrer Quelle noch immer rein sich erhalten hat, und findet in dieser historischen Kontinuität einen trefflichen Massstab zur Beurteilung des europäischen Judentums. Meisterhaft herausgearbeitet grade durch ihre absichtslose Natürlichkeit ist die heissende Kennzeichnung des ״Reform“־Judentums: ״Die Reform beschränkt sich eigentlich bloss auf die Synagoge, ausserhalb derselben hört bei dieser Partei überhaupt das Judentum auf.“ Wir können hinzufügen, dass auch die Reformsynagoge ihr Vorbild in der protestantischen Kirche und im Konzertsaal hat. Ein Chorsänger in einem modernen jüdischen Gottesdienste konnte mir kürzlich mitteilen, dass er als einziger imstande war, den Notentext zu lesen, wenn er in hebräischen Buchstaben geschrieben war. — Freilich kommen auch die sogenannten orthodoxen Juden nicht immer glimpflich bei der Kritik fort. Der weitaus grösste Teil des Buches ist dem neujüdischen Totenkultus gewidmet, ״der einzigen Klammer, die das heutige Reformjudentum noch mit seiner angestammten Religion verbindet.“ Die Bemerkung, dass hier der letzte Rest •einer Anhänglichkeit ans Judentum liegt, ist eine sehr feine und richtige. Wer kennt nicht die Juden, die aus ״Pietät ‘ ihre Kinder erst nach dem Tode der Grosseltern taufen lassen, die aus ״Pietät“ am Jom Kippur in den Tempel gehen? Was dagegen Obermeyer als wirkliche J Pietät darstellt, ist wahrhaft schön und von echt nationalem jüdischen Geiste erfüllt. Pietät ist es, dass der fromme Jude in Palästina sterben will, dass in schweren Stunden eine ganze Gemeinschaft die Gräber der Väter besucht, dass man die Juden Palästinas werktätig unterstützt. Die Pietät des Reformjudentums ist zu einem hässlichen, protzenhaften Totenkultus ausgeartet, der zum wesentlichsten Bestandteil des Gottesdienstes geworden ist und die wahre Pietät ertötet. Wie in der ganzen Gemeinde- Verfassung, so ist auch hier die Plutokratie das herrschende System. Wer Geld hat, kauft sich bei Lebzeiten in die Liste ein, in der sein Name nach seinem Tode beim ״Maskir“ verlesen wird. So erschütternd die Namen- Verlesung in den Märtyrergemeinden ist, so schön die zähe Treue ist, mit der in einigen alten Gemeinden die Namen bis in frühere Jahrhunderte hinauf immer wieder verlesen werden, so lächerlich und abstossend ist die Parade der reichen Juden, die sich jetzt an den Maskirtagen vollzieht- Mit Recht spricht O. von einem Maskirgeschäft, einer Versicherungsprämie, die der reiche Jude für sein Seelenheil zahlt.