Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- III (1907)
- Issue
- 14 (27.9.1907)
- Date
- 1907-09-27
- Page
- Seite 115 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 14 LITERATURBLATT 115 nebenher auch ein grosser Psychiater ist, gehört zu den bösen Monisten. Wenn man Wohlgemuths Darstellung folgt, so geht jetzt durch die ganze Naturwissenschaft ein starker Zug in der Richtung nach Wasmann hin. Das ist grundfalsch. Wasmann steht völlig vereinsamt. Es gibt freilich zahlreiche Forscher, welche die Verkiindung naturwissenschaftlicher Dogmen ebenso scharf ablehnen wie die religiöser, aber keinen einzigen, der die Erkenntnis der Dinge in den vorher fertigen Rahmen des Glaubens zwingen will. Und dann — die Entwicklungslehre ist wirklich nicht im Absterben. Man kritisiert wohl Darwins Lehre von den Ursachen der Ent- Wicklung in ihrer Allgemeingültigkeit, aber die Grundlage der EntwickJlnngslehre, die Blutsverwandtschaft der Organismen durch die Abstammung, ist zum unerschütterlichen Fundament der gesamten Biologie geworden, ohne das heute die Biologie so wenig denkbar ist wie die Astronomie ohne, die;Lehren von Kopernikus und Newton. Man muss Männer wie Hertwig, Driesch u. a. gegen ein Zusammenwerfen mit Wasmann in Schutz ־nehmen; sie stehen ihm genau so fern wie alle andern, weil sie nicht daran denken, die wissenschaftliche. Forschung durch die Religion zu kontrollieren. Ich kenne überhaupt keinen einzigen Forscher von Ruf* der Wasman 11s Anschauungen teilt. Und siehe da!. Auch Wasmann ist für Wohlgemuth noch zu aufgeklart und geht iihm in seinen Zugeständnissen an die Wissenschaft zu weit. Denn Wasmann ist bereit, den Schöpfungsbericht der Bibel bildlich aufzufassen, als eine dem mangelhaften Verständnis der damaligen Zeit angepasste Schilderung, wenn die Wissenschaft nur zwei Sätze unberührt lässt: Die Erschaffung der Welt überhaupt und die Existenz einer göttlichen, unsterblichen Seele des Menschen. Dem tritt Wohlgemuth ausführlich entgegen, inde,m er die biblische, Schöpfungsgeschichte als einen Bericht realer Hergänge auffasst. (S-chJuss folgt.) Literaturbericht Modernes Judentum im Morgen- und Abendland. Von Jacob Cb er me y er. Leipzig und Wien 1907. Kais, und Königl. Hof-Buchdruckerei und Hof-Verlags-Buchhandlung. Carl Fromme. X. u. 165 S. 8° Ein merkwürdiges Buch. Es mutet uns an wie ein Findlingsblock, und das ist sein Wert und sein Mangel. Es redet zu den europäischen Juden wie ein Qast aus fernen Landen, der die Dinge ganz von aussen her aussicht und desen klarer umfassender Blick nicht durch anerzogene Vorurteile verschleiert ist. Aber er ist doch nur ein abgesprengter Findlingsblock, der eine Ahnung erzeugt von dem mächtigen, wurzelfesten, bodenständigen Bergrücken, von dem er zu uns kam, ohne mehr zu sein als ein Eiruchstück. Die tiefe Allgemeinheit der grundlegenden Anschauung ist iu diesem Buche ganz merkwürdig gemischt mit der engbegrenzten, fast