Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- III (1907)
- Issue
- 14 (27.9.1907)
- Date
- 1907-09-27
- Page
- Seite 114 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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114 LITERATURBLATT No. 14 -erhoben, eine bestimmte Erkenntnis naturwissenschaftlicher Dinge zu vermitteln. Der Rückschritt von einem historisch-traditionellen zu einem dogmatischen Judentum ist eine; Errungenschaft des 19. Jahrhunderts,!eine unzweideutige Anlehnung an die Lehrgebäude der christlichen Konfessionen, auch wenn sie im Gewände des traditionellen Judentums auftritt. Der Begriff des ״richtigen“ Glaubens, der Orthodoxie, in ein System gebracht durch S. R. Hirsch und seine Schule, ist nicht weniger Assimilation, חקת הגוי als die Orgel und der Sonntagsgottesdienst. Es ist sicherlich kein Zufall, dass Wohlgemuth im ersten Teil seiner Schrift' sich genötigt sieht, gegen die weitherzige und tolerante Anschauung des Maimonides zu polemisieren. Maimonides, der doch der Tradition weit näher stand als wir es heute können, trug kein Bedenken, die Bibel! überall da, wo sie mit dem gesicherten Wissen seiner Zeiit sich in Widerspruch setzte, allegorisch zu deuten, das heisst, klar ausgedrückt, in dein Dingen der natürlichen Erkenntnis der Wissenschaft den Vorrang einzuräumen. Das war echt jüdisch, denn unsere religiösen Geniies haben es immer empfunden, dass die nährenden Wurzeln der Religion nicht in der Vermittlung bestimmter Erkenntnisse über die Dinge des Himmels und der Erde, sondern in der Beziehung auf sittliche Verpflichtungen und in der Bekämpfung der egoistischen Triebe liegen. Es lohnt sich nicht, über diese ersten Prinzipien aller Religionsphilosophie viele Worte zu verlieren, nachdem vor 237 Jahren Spinoza in seinem theologisch-politischen Traktat sie in nicht zu übertreffender Weise behandelt hat. Die ganze Fragestellung Wohlgemuths liegt also nicht in der Richtung der jüdischen Tradition, sondern in der gradlinigen Fort- Setzung mittelalterlicher Scholastik. Sie ist aber auch überflüssig und verfehlt, denn sie vermengt Glauben und Wissen in unerträglieber Weise. Wer glauben will, der glaube. Er bedarf keiner Bestätigung durch eine Wissenschaft. Will er aber wissenschaftliche Erkenntnis, so nehme er doch nicht das von vornherein feststehende Urteil des Glaubens als .Maasstab. Für denjenigen, der sich nicht nur in apologetischer Absicht, sondern ernsthaft und fachmassig mit naturwissenschaftlichen Fragen befasst, gibt es kaum ein kläglicheres, Schauspiel als diese Verkoppelung artfremder geistiger Dinge, die nach dem Sinn des jüdischen Gesetzes mindestens ebenso verpönt ist wiia das Zusamtmenspannen von Ochs und Esel vor einem Joch. — Wir werden diese harten Urteile durch einzelne Belege rechtfertigen; vorher aber noch einige Worte über Wasmann und seine Stellung zur Wissenschaft. Pater Wasmann ist der beste Kenner der Ameisen und einer der fruchtbarsten Forscher in der Aufdeckung ihres Lebens. Ist er darum eine Autorität in naturphilosophischen Fragen? Nein. Sein Fachgenosse Forel, der die Ameisen so gut studiert hat wie er und