Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- III (1907)
- Issue
- 13 (30.8.1907)
- Date
- 1907-08-30
- Page
- Seite 107 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 13 LITERATURBLATT 107 erhielten sie dort, während der Rabbi sein Lebtag streng vegetarisch, von Pflanzenkost, Wasser, Kaffee und Brot, lebte. Ein Mann, der alles, was er emnahrn — durch Revenuen. Sammlungen und Krankenheilungei» — zur Erhaltung der Jeschiwah und Vergrösserung der Bibliothek verwandte; der zur Unterstützung Notleidender selbst grosse Summen borgte, die er hernach mit schweren Mühen wieder aufbringen musste, und von denen er, selbst als ein Brand seine ganze Habe vernichtete, nichts nachgelassen haben wollte. Prachtvoll wirken die Erzählungen von seiner Hilfsbereitschaft — durch die Art, wie er zu helfen verstand. In den Geschichten, wie er dem einen das Geld zum Neubau, dem anderen die Mitgift verschaffte, dem dritten den neuen Geschäftsteilhaber besorgt, in diesen Geschichten wirkt nicht die übermässig grosse Summe, die er selbst beisteuert, sondern die Art, wie er gab und wie er riet, überwältigend. Das sind nicht durchweg Erzählungen von ״feinen Eizes“, wie in der Geschichte von den verbotenen Mezuses, sondern Dokumente menschlicher Grösse Diese anspruchslos vorgetragenen Szenen sollten viel gelesen werden. Ein Künstler in der Ausübung von Zedokoh! Der Rabbi lebt in der Uebergangszeit. im Brakwasser der Kulturen. Er disputiert mit den Anhängern einer neuen Lehre und liest Kant und Leibnitz. Aber mit den! anderen Fusse steht er noch mitten in der Kabbalah; er lässt eifrig Amulettes fabrizieren, mit denen er Unheilbare und Wahnsinnige heilt; er huldigt auch allerlei abergläubischen ]Vor- Stellungen. Aber -all sein Einkommen opfert er der Jeschiwah. Und wir müssen ihn hoch über die Wunderrabbis stellen, die die Krahkenheilung als ein flottes und einträgliches Schwindelgeschäft betreiben. Die abergläubische Menge verehrte ihn ais Baalschem. Sie sieht, wie die Geschichte von der Schedim zeigt, oft nicht den Zusammenhang der Dinge und wittert Wunder, wo natürliche Verhältnisse vorliegen. Der Rabbi aber wehrt sich entschieden gegen die Bezeichnung Baalschem. er lehnt Wunderrettungen ab. wo er den natürlichen Hergang der Ereignisse übersehen kann, er schickt die Kranken zum Arzt und nur, wo ärztliche Kunst versagt, versucht er sein Glück mit kabbalistischer Weisheit. Der Rabbi ist ein nüchterner Mann, der sogar sein Haus gegen Feuerschaden versichert. Gern nehmen wir die Mängel mit in Kauf. Sie garantieren uns die Echtheit des Typs. Er war kein vollkommener, sondern ein grosser Mensch. Weil er ein wirklicher Mensch war mit Vorzügen und Schwächen, deshalb fasst uns die Grösse seines Charakters so gewaltig an. Ein Romanheld von soilcher Seelengrösse würde uns als unwahrscheinliche Phantasiefigur anmuten und ••— langweilen. Aber wie er war, so verallgemeinern wir ihn. Solcher Menschen finden wir nicht wenige unter unseren Vorfahren. Gerade weil wir in ihm nicht den Einzelnen, sondern fast einen Typus sehen, verweilen wir so gern bei den einzelnen Zügen im Bilde dieses Mannes. Der anonyme Verfasser, dem wir für die Sammlung der Notizen und die Darstellung Dank schulden, ist — bis auf die Schlusserzählung von den! getauften Bischof, die zu schwach und wirkungslos ausgefallen ist — in all