Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- III (1907)
- Issue
- 11 (5.7.1907)
- Date
- 1907-07-05
- Page
- Seite 93 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 11 LITERATURßLATT 93 diesen Zügen an ihm leugnen? Haeckel ist so populär geworden, dass er jetzt gar nicht mehr iun Kampf der Meinungen steht, den er selbst heraufgeführt hat. sondern über ihm. So sehr gehört er der Geschichte an. dass mancher sich wundert, wenn er vernimmt, dass der Dreiundsiebzigjährige noch ungebeugt und emsig schafft. Das Leben eines solchen Mannes bietet stets des Interessanten genug, und darum können wir Bö Ische für seine Biographie dankbar sein. Sie ist nicht in jenem ekstatischen Stil geschrieben, der manche Schriften Bölsches so schwer lesbar macht, sondern der r'uhigen Einfachheit a,ngepasst, die trotz allem Kampf einen Grundzug in Haeckels Wesen ausmacht. Der Leser, dem der grosse Forscher Haeckel kein Unbekanntei ist, vermisst doch in dieser Lebensbeschreibung einiges. Wir ׳erfahren, wie sich die Anschauungen׳ Haeckels entwickelt und geformt haben, wir hören von seiner Lebensarbeit, der Ausbreitung des Darwinismus, von seinen weitverzweigten Einzelstudien. Aber von seinen rein menschlichen Zügen erfahren wir, zu wenig. Und doch hat es grade bei dieser Gattung grosse: Männer einen eigenen Reiz, auch darüber etwas zu wissen. Niemand, der so sehr wie Haeckel im frischen Leben der Natur, im heissen Kampf der Menscheit steht, ist nur Gelehrter. Vielleicht werden wir einst aus seinem Briefwechsel, und aus den Schilderungen vertrauter Freunde ein Bild von Haeckel, dem Menschen, bekommen. Das eine leuchtet jedoch schon aus Bölsches Biographie ebenso wie aus den Erzählungen aller, die mit ihm in Berührung kamen, hervor, dass dieser Mann eine der bezauberndsten Persönlichkeiten ist, ebensosehr Künstler wie Forscher, als Greis noch ein Abbild sprudelnden Lebens und frischen Idealismus. Die Haeckel-Biographie Boise he’s ist ihrer ganzen Anlage nach eine vortreffliche Einleitung zu Haeckels Werken, ja* in das Stadium der Entwicklumgslehre überhaupt. Im kurzen Aufriss dieser Fragen besitzt Bölsche eine unbestrittene Meisterschaft. So bürgen Inhalt. Form und Autor dieses Buches dafür, dass es in weite Kreise dringen wird. Die erstaunliche Billigkeit der Ausgabe (1 Mk.) zeigt ausserdem, dass es zu einem Massenzuge in alle Stände bestimmt ist. Wir wünschen ihm viel Glück dazu. Elias Auerbach. Die Puppenjjungs. Szenen aus dem dunklen Berlin von Adolf Nebenzahl. Dresden, E. Pierson’s Verlag. Preis 2 Mark. Der Verfasser hat in seinem Bauerndrama ״Die Leibeigenen“ eine Probe seiner Darstellungskraft gegeben und ein erschütterndes Werk geschaffen; im gleichen Verlage erscheinen nunmehr ״Die Puppenjungs“, eine fiinfaktige Szenenreihe aus der Verbrecherwelt des dunklen Berlins. Erst führt uns Nebenzahl in eine Gefängnisarbeitsstätte, dann in die armselige Wohnstube der Familie Steinklopfer, dann zwei Akte lang in eine unverfälschte ״Kaschemme“, zuletzt in die Kammer der Freudenmädchen Laura und Mieze. Doch sind alle diese Bilder fest miteinander verbunden, eine gutgefügte Handlung durchzieht sie, und man muss in der Tat über die Erfindungs- und Beobachtunggsgabe des Autors erstaunen, der uns so viele ׳verschiedenartige Gestalten vorführt, unter denen der ewig reimende Amyntor, der sentimentale Gräfenberg, die Erzdirne Laura und die arme kleine Mieze wohl die interessantesten sind. Wer sich für das Milieu interessiert, denen seien Nebenzahls Schilderungen bestens empfohlen. Notizen Düsseldorf. Bei Ausschachtuiigsarbeiten zum Verlegen von Gasröhren in der Kasernenstrasse zu Düsseldorf stiessen die Arbeiter aui einen vortrefflich erhaltenen jüdischen Grabstein. Nach de! hebräischen Inschrift handelt es sich um das Grab eines im Jahre 1782