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Jüdische Rundschau · 1907-04-26 · 8 (26.4.1907) · p. Seite 71

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
III (1907)
Issue
8 (26.4.1907)
Date
1907-04-26
Page
Seite 71 (sequence 7)
Language
German
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71 No. 8 LITERATURBLATT hier um grundlegende Ideen, die nicht nur die wissenschaftliche Erkenntnis gefördert haben, sondern auch an das Heiligste des Menschen rühren, an seine Welt- und Lebensanschauung, und hier tiefgehende Spuren hinterlassen habenl Wie überall, ist daher auch hier der entwickelungsgeschichtliehe Standpunkt der allein gegebene. Dem Verfasser sind solche Er- Wägungen nicht fremd, aber er verschliesst sich ihnen mit Unrecht. Freilich ist der Weg, von dem wir hier sprechen, für den Verfasser wenig gangbar. Trotz der vielen logischen Rechenfehler, die er Spinoza nachweist, ist er noch eher geneigt, ihn für einen tüchtigen, als für einen originellen Denker zu halten. Wir glauben, dass sich nicht viele finden werden, die dem Verfasser hierin beipflichten. Schon die Tatsache, dass seine Zeit sich in einem so starken Gegensatz zu Spinoza fühlte und dass die völlige Neuartigkeit dieses Philosophen von seinen späteren Anhängern ebenso deutlich gefühlt und betont wurde, spricht gegen des Verfassers Behauptung. Man würde Spinoza nicht verlästert und verhimmelt haben, wenn er dem sich entwickelnden modernen Bewusstsein garnichts Neues, Fremdartiges zu sagen gehabt hätte. Natürlich sind auch seine Grundanschauungen historisch bedingt und von früheren Denkern abhängig, wie wenig es auch bis heute gelungen sein ma.g, hier überall die Beziehungen zweifellos festzulegen. Immerhin haben hier besonders die Untersuchungen Meinsmas und Freudenthals die Einsicht in den geschichtlichen Zusammenhang wesentlich gefördert. Die Nachwirkungen des Studiums der mittelalterlich-jüdischen Religionsphilosophie und! der Scholastik verleugnen sich) bei Spinoza nicht. Dies tritt nicht nur in seiner ganzen Denkweise hervor, sondern auch in einzelnen seiner Anschauungen. So schon in der Energie, mit der er den religiösen Gottesbegriff mit seiner ausschliesslich kausalen Weltanschauung trotz der offenbaren Unvereinbarkeit beider zusammenarbeitet. Dies gilt auch von seinem Substanz- und Attributsbegriff, die bekanntlich beide nur Umbildungen cartesianischer Begriffe sind. Dies gilt von seinem Rationalismus, der auch auf Cartesius und zuletzt auf Aristoteles zurückgeht. Seine Affektenlehre und seine Auffassung von der Unsterblichkeit weisen deutlich auf die jüdischen Aristoteliker des Mittelalters z. B. auf Maimionides zurück. Dass die Vervollkommnung in der Erkenntnis von der Macht der Affekte befreit und selig macht, dass nur der Mensch, der, und d a s am Menschen, was wahrhaft erkennt, unsterblich ist, das alles verrät schon, nach der ganzen Tendenz, Fragestellung und der zugrunde liegenden Ueberzeugung den Einfluss der mittelalterliehen Philosophie. Allein es bleibt noch eine ganze Reihe von umfassenden Anschauungen, die im modernen Denken mehr oder weniger revolutionierend oder anregend gewirkt haben und von niemandem zuvor mit der gleichem Klarheit und prinzipiellen Entschiedenheit vertreten worden sind, wie von Spinoza. Dies allein, nicht ob diese Anschauungen absolut neu waren, entscheidet über die Bedeutung Spinozas. Wir denken hier vor allem an seine. Auffassung vom kausaten Weltzusammenhang, seine Verwerfung der alten Teleologie miit ihrem anthropozentrischen Standpunkt, an seinen Determinismus, seinen

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