Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- III (1907)
- Issue
- 8 (26.4.1907)
- Date
- 1907-04-26
- Page
- Seite 70 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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70 N0. 8 LITERATURBLATT Literaturbericht Otto Flügel, Spinozas Religionsphilosophie nach Chr. A. Thilo. Langensalza 1906. Hermann Berger & Söhne. 80 S. Besprochen von Dr. Max Joseph, Ob es auch heute noch orthodoxe Spinozisten gibt, wissen wir nicht. Wenn es die Absicht des Verfassers der vorliegenden Schrift gewesen sein sollte, nachzuweiisen, dass das philosophische System Spinozas, soweit es insbesondere mit der Erörterung religiöser Probleme zusammenhängt, einer scharfen Kritik nicht standhält, so dürfen wir wohl sagen, dass ihm diese Absicht im ganzen gelungen ist. Eigentlich, freilich nicht im Ganzen, sondern im Einzelnen. Der Verfasser nimmt grundsätzlich den Standpunkt Herberts ein, indem er fast nur die logischen Fehler und Widersprüche ■ aufzuzeigeni sucht, deren sich Spinoza bei der Bildung der grundlegenden Begriffe seines Systems schuldig gemacht hat. Solcher Fehler und Widerspräche gibt es nun hier gewiss recht viele, und wir meinen, wenn man die einfache Erhabenheit und Grossartigkeät in der Architektonik des spinozistischen Systems so viel bewundert hat, dass man hier in der Tat die Schönheitsfehler nicht ganz übersehen darf. Wir sind jedoch, abweichend vom Verfasser, der Ansicht, dass eine solche Begriffskritik, wie er sie an einem Philosophen, der vor 250 Jahren gelebt hat, übt, heute denn doch etwas anachronistisch wirkt. Gewiss! eine solche Kritik musste einmal gegeben werden, und; in den Tagen Herberts, in denen Spinoza noch als der Inbegriff der wahren und wahrsten Philosophie weit und breit verhimmelt wurde, war eine solche Kritik, so einseitig sie auch war, noch berechtigt. Aber heute? Wer legt heute noch ein grosses Gewicht auf die Folgerichtigkeit und die innere Geschlossenheit aller Propositionen der spinozistischen ״Ethik“! oder auf ihre ganze geometrische Methode, soviel Bedeutung der Philosoph selber ihr auch beigemessen haben mag! Ja, selbst die systematischen Grundbegriffe seiner Philosophie, wie der der Substanz, der Attribute und Modi, haben im modernen philosophischen Denken längst keine Stelle mehr. Aber steht es denn mit viel jüngeren Denkern, steht es selbst mit Kant wesentlich anders? Wer nimmt heute noch den ganzen philosophischen Schematismus, nach welchem Kant seine Kritik der reinen Vernunft gegliedert hat, in völligem Ernst? Wer unterscheidet heute noch mit ihm Sinnlichkeit, Verstand und Vernunft? Wer billigt noch heute seine Kategorienlehre oder seine Lehre vom Ding an sich? Gleichwohl weiss jedermann, dass Kant auch in unseren Tagen noch sehr lebendig und wirksam ist, und dasselbe gilt, wenn auch nach einer ganz anderen Richtung, von Spinoza. Wie es heute Neukantianer gibt, so auch Neospinozisten. Es gibt eben in der Philosophie jedes wahrhaft grossen Denkers, neben allem Systematischen und den historisch bedingten Begriffen und Anschauungen mancherlei Einzelnes von dauerndem Werte, mancherlei, was meist mehr der genialen Intuation, als der mühsamen Reethienarbeit verdankt wird und das menschliche Denken um einen grossen oder kleinen Schritt vorwärts gebracht hat. Oft handelt es sich