Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- III (1907)
- Issue
- 8 (26.4.1907)
- Date
- 1907-04-26
- Page
- Seite 69 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 8 LITERATURBLATT 69 fehlt: ״Fleisch von unserm Fleisch und Blut von unserm Blut.“ Die Zeiten״ in denen wir dünkelhaft auf unsere östlichen Stammesgeoossen herabsahen, siind politisch vorüber. Wir haben erkannt, dass ihr charaktervolles Festhalten an der Tradition richtiger war, als unser streberhaftes Narrentum, uns als ״Germanen semitischer Abkunft“ aufzuspielen. Aber wir haben noch nicht den weiteren Schritt getan, dass nämlich nicht Schiller und nicht Goethe, nicht Hauptmann und nicht Reuter die nationalen Schriftsteller des Westjudentums sind,, sondern dass wir letztere in den jüdischdeutschen Poeten zu suchen haben, resp. dass auch uns dort unsei ureigenes Schrifttum zu entstehen in Begriffe ist. Diese Tatsache ist aber nicht blos für unsere Lebensführung, für die Ausbildung unsrer Jugend von schwerwiegender Bedeutung — ich erinnere nur daran, dass sich unsere jüdischen Studentenvereine fortan sehr eingehend mit der yiddischen Literatur“ zu beschäftigen haben werden. Nein, auch umgekehrt wird durch den Ansporn, den die jüdischdeutschen Schriftsteller aus dem Faktum,,, dass sie bei dem so hoch modern gebildeten und in so 1vieler Beziehung massgebenden Westjudentum zu Ansehen gelangt sind, ziehen müssen, eine gewaltige Steigerung des Könnens derselben resultieren. Und das wird das yiddische Schrifttum in ganz kurzer Zeit auf eine Höhe heben, die keiner anderen Literatur nachsteht, ja, sie, was Grösse der Probleme anbetrifft, vielleicht noch überragt. Liegt doch in der Tragik unseres Lebens eine Überfülle von Stoff, die nur des Poeten, der ,ihn ausgestaltet, harrt. Dass es unserem Volke aber weder an dichterischer Gestaltungsfähigkeit doch an den Schauspielern gebricht, die solche Themen darzustellen vermögen, das hat das Deutsche Theater aller Welt deutlich vor Augen geführt. In New York existieren mehrere Bühnen, deren Repertoir ausschliess lieh aus yiddischen Stücken besteht. Teils sind es Übertragungen Shakespear scher oder Schiller scher Dramen!, teils sind es nationale Stücke von Dichtern ä la Schalem Asch, Pinski etc. Wenn nun auch nicht zu hoffen ist, dass in Berlin ein eigenes jüdisches Theater, das natürlich in hochdeutscher Sprache spielen müsste, sich auf die Dauer wird halten können — die jüdische Bevölkerung Berlins beträgt ja nur den fünften Teil derjenigen New Yorks — so dürfte doch der Erfolg, den das Deutsche Theater mit dem! ״Gotte der Rache“ erzielt hat, die erfreuliche Wirkung ausüben, dass fortan schon aus finanziellen Gesichtspunkten eine sorgfältige Berücksichtigung der jüdischdeutschen Literatur seitens der Berliner Bühnen stattfindet. So werden wir unsere Nationalliteratur wenigstens zum Teil und! sicher jedesmal in vorzüglicher Verdolmetschung vor geführt bekommen; was, unzweifelhaft mächtig mit zur nationalen Wiedergeburt des westeuropäischen Judentums beitragen wird. Hierzu aber den Anstoss (mitgegeben zu haben, das ist das grosse Verdienst des Dichters und der Berliner Darsteller des ״Gottes des Rache“. Siniplicissimus.