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Jüdische Rundschau · 1907-04-26 · 8 (26.4.1907) · p. Seite 68

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
III (1907)
Issue
8 (26.4.1907)
Date
1907-04-26
Page
Seite 68 (sequence 4)
Language
German
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8 No. 8 LITERATURBLATT reicheren Entfaltung seines Genius angespornt worden wäre. Erst durch diese Wechselwirkung zwischen dem Dichter und diem Objekt seiner Dichtungen wurde Reuter auf die höchste Stufe literarischen Könnens gehoben; -i\ hätte er hochdeutsch geschrieben, so wäre diese Relation ausgeblieben, jedenfalls hätte sie sich nicht in dem Masse fühlbar gemacht. Und damit! wäre auch die volle Entfaltung der Reuterschen Begabung entfallen. | Genau so verhält es sich mit den polnisch-jüdischen Autoren, die das j Ostjudentum in hochdeutscher Sprache behandelt haben. Sie haben einer- :! seits nicht so viel Eindruck auf ihre engeren Heimatsgenossen gemacht, ü ■ andererseits sind sie nicht von deren Beifall in so׳ hohem׳ Masse getragen : worden:, dass sie! sich hätten voll ausgeben können. Das muss vielmehr j naturgemäss solchen Schriftstellern die wie Schalom Asch, Pinski, Morris Rosenfeld zum ״yiddischen“ Volk in dessen eigener Sprache! reden, Vorbehalten bleiben. Erst die jüdiseh-ldeutscheii Dichter werden in der Lage sein, die ostjüdiische Volksseele ganz auszuschöpfen, um von ihr ■j umgek&hrt auf die höchste Höhe des Schaffens getragen zu werden. Für uns deutsche Juden wird aber die kühne Tat des Deutschen Theaters — es war ein recht gewagtes Experiment, einen Dichter wie! Schalom Asch mit seinem spezifischen Thema auf der vornehmsten! Berliner Bühne zu Worte kommen zu lassen — noch eine ganz besondere;■! Nachwirkung zeitigen. Für uns war die jüdischdeutsche Literatur bisher i eine terra incognita. Das wenige, was uns davon durch Übersetzungen bekannt war, hatte lebhafteren Eindruck hervorzurufen nicht vermocht, ’? und die Meinung nicht erschüttert, dass es sich bei diesen Dingen um die vielleicht viel vesprechenden, aber immerhin noch in den Kinderschuhen : steckenden Anfänge einer jüdischen Natianalliteratur handle. Plötzlich sehen ' wir uns einem Werke von so wuchtiger Qualität, wie es ״der Gott der Rache“ ist, das selbst von seinen Gegnern, trotz der argen Verstümmelung i die der zweite Akt seitens der Zensur erlitten hat und als eine Leistung anerkannt wird!, die den Autor zu einer führenden Stellung auf der modernen Schaubühne berechtigt, gegenübergestellt. Und wir fühlen »roch ein zweites. Nämlich, dass die Menschen, die dieser Dichter schildert, unsere eigenen Brüder sind, dass die Sprache, die sie sprechen, die Gedankengänge, die sie bewegen, die unseren sind, kurz dass wir hier vor einem Bühnenwerk stehen, das uns deutsche Juden doch noch ganz anders packt, als dies die deutschen, französischen, englischen Theaterstücke vermocht haben, die I man uns bisher geboten hat. Diesen haben wir innerlich im Grunde; unseres Herzens doch immer kalt gegenübergestanden. Die Probleme, die da behandelt wurden, interessierten uns nicht sonderlich, denn es waren nicht unsere eigenen brennenden Tagesfragen. Die Menschen, die da agierten, standen nicht auf unsern gesellschaftlichen Voraussetzungen,! hatten nicht unsere geschichtliche Vergangenheit und fühlten und dachten ־ deshalb nicht so vollkommen konform mit uns, wie dies die Figuren dei. Schalom Asch’schen Stückes tun. Und das ist der ungeheure Gewinn, den das Westjudentum aus der Aufführung des Stückes zieht. Nämlich dass in dieser Literatur etwas vorhanden ist, was in allen anderen Literaturen V־

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