Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1907-04-26 · 8 (26.4.1907) · p. Seite 67

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
III (1907)
Issue
8 (26.4.1907)
Date
1907-04-26
Page
Seite 67 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/8295971-9046061-8238383--518-8190144
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

N0. 8 LITERATURBLATT 67 Noch einmal ״Der Gott der Rache“ Es kann sich jetzt nicht mehr um eine Kritik des Stückes handeln. Das hat die Berliner Presse reichlich und rechtzeitig — manchmal leider nicht sine ira et studio — besorgt. Der Dichter weiss, dass seine starke Begabung ebenso anerkannt wie die krasse Unwahrscheinlichkeit, deren er sich in Bezug auf sein Sujet schuldig gemacht hat — es handelt sich um den Zwiespalt zwischen der innerlichen Vornehmheit der Gesinnung und der entsetzlichen Gemeinheit״ mittelst deren sich der materielle Erwerb bei seinem Helden vollzieht — verurteilt wird. Hier soll etwas ganz anderes zur Sprache gebracht werden. Nämlich die Wirkung, die das Stück in literarischer und; völkischer Beziehung ausüben wid. Denn ״der Gott der Rache“ ist nicht blos ein interessantes Tagesereignis, das eine zeitlang als Gesprächsstoff dient und dann spurlos verschwindet, um für immer vergessen zu sein. Nein, von ihm aus wird zweifellos eine Entwickelung datieren, die Dingen, die zwar schon längst da waren, die aber bisher allzu sehr im verborgenen standen, den ihnen gebührenden Platz an der Sonne verschaffen wird. Ich meine die Behandlung der jüdischen Probleme in der jüdisch-deutschen Literatur und auf dem ״yiddischen“ TheatA־. Das deutsche Schrifttum verfügt über eine ansehnliche Zahl von Romanen, Novellen etc., die das polnisch-jüdische Volksleben behandeln. Man braucht nur die Namen: ״Franzos“ ״Bernstein‘‘ zu zitieren um an die Hervorragendsten zu erinnern. Aber weder die Genannten, noch die vielen übrigen ihnen geistesverwandten das Ost-Judenproblem ventilierenden deutschen Autoren haben, wenngleich sie unzweifelhaft einen ganz beträchtlichen Einfluss ausübten, es vermocht, die Seele ihres Volkes bis in die tiefsten Tiefen aufzuwühlen, sie ganz mit sich fortzureissen. Dazu fehlte ihnen .von vornherein eine Vorbedingung. Ihr Talent stand im Dienste einer Zeitströmung. Sie wollten das Leben und die Gesinnungen ihrer polnisch-russischen Stammesgenossen der christlichen Mitwelt deutscher Nation näher bringen. So schrieben sie denn auch ihre Werke nicht in der Sprache ihres eigenen Volkes, dem ״yiddischen“, sondern im Hochdeutschen, das ja von diesem, allmählich so differenziert ist, dass es fast wie ein fremdes Idiom erscheint und unbedingt der Uebersetzung bedarf, um von der jüdisch-deutsch sprechenden Bevölkerung verstanden zu werden. So haftete ihren Dichtungen a limeene in den Augen des eigenen Volkes etwas Fremdes, von aussen Herangetretenes an. Man denke mal, Fritz Reuter hätte hochdeutsch geschrieben, dann hätten seine Werke unmöglich den tiefen Eindruck auf seine engeren Lands leute gemacht, der ihnen zum Triumphzug durch ganz Deutschland vet holfen hat. Es würde ihnen das Erdschollen-Kolorit gefehlt haben, das alle Reuterschen Dichtungen so naturwahr macht, so zum Gemüte sprechen lässt. Andrerseits hätte Fritz Reuter niemals die Höhe die er jetzt als bedeutendster deutscher Prosaschriftsteller einnimmt, erreicht, wenn er nicht durch den Widerhall, den er bei seinen Landsleuten!fand, zu einer immer

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.