Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- III (1907)
- Issue
- 8 (26.4.1907)
- Date
- 1907-04-26
- Page
- Seite 66 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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66 LITERATURBLATT No. 8 der Grossvater, der Materielle (ausser der entsprechenden Generation der Familie Zwi auch der Bankier Herschmann — das heutige Geschlecht, Sozialismus und Nationaljudentum — die junge Generation. Und; über allem eine sehr schief dargestellte Tendenz, der die Spitze fehlt und die sich mit der Handlung ganz und gar nicht vertragen will. Die Typen sind keine Menschen und die Szenenfolge keine Entwicklung, und man dachte in Wehmut an Eisik Scheftel. Und doch war es gut, dass man ein schwarzes Stück gewählt hatte. Denn wenn ein gutes Drama durch eine ähnlich liederlich vorbereitete und durchgeführte Aufführung verhunzt worden wäre, es wäre gar zu traurig gewesen Anzuerkennen war nur der frohe Mut und die Vertrauensseligkeit, mit der man es wagte, einem Berliner Publikum1 so etwas zu bieten. Schon über die Dekorationen schüttelte man den Kopf, da man aus den Requisiten jeder beliebigen Provinzschmiere ein stilvolleres russischjüdisches Wohnzimmer zustammenstellen könnte (wenn auch unter Verzieht auf Schiebetüren), wogegen der Platz vor der Synagoge allerdings in solcher Schmiere auch nicht anders gewesen wäre als hier. Die Synagoge erhielt dadurch einen eigenen Reiz, dass die Bänke (d i e Bänke, es war nämlich in diesem Bethause nicht etwa nur eine, sondern zwei!) nach der Kanzel zu laufen, ein mindestens origineller Einfall. Auch brachte es etwas Abwechslung in die Situation, dass der Darsteller des frommen Grossvaters wenigstens in der Synagoge ohne Kopfbedeckung erschien, während er sonst überall, auch in der Woohnung sein Streimel auf dem Kopfe behielt. Von ebenso liebevollem Eindringen in das Milieu zeugten die übrigen Leistungen. Fromme Leute allerdings, die den Tag über im Bethause sitzen, wissen in Russland im allgemeinen, wie man einen Tallis trägt und wenn man Talmud lernt, so mutet es befremdend an, wenn man mehrmals auf einer Seite mit der Faust gegen die Brust schlägt. ff Die Darstellung lässt sich nicht kritisieren, da sie eben unter jeder Kritik war. Einzig der Leon und in einzelnen Momenten die Mutter konnten darüber hinwegtäuschen, dass sich die ״Schauspieler“ über das Publikum lustig machen wollten. Sehr lebhafter Widerspruch erhob sich nach jedem Akte und erbrachte dadurch, wie einer meiner Nachbarn richtig bemerkte, den Beweis für die Unwahrheit die Behauptung der Kritiker von Schalom Aschs Drama, dass eine jüdische Klique alle Dichtungen unserer Brüder ohne Rücksicht auf ihren Wert beklatscht. Und während auf lebhaftes Zischen der Vorhang sich mehrmals hob, um den Zuschauern den Deklamator der Grossvater-Rolle zu zeigen, schlichen wir uns hinaus schweren Herzens, hier die Sache der jüdischen Kunst so schmählich, verraten zu sehen. ־ Lazarus Barth.