Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- III (1907)
- Issue
- 7 (29.3.1907)
- Date
- 1907-03-29
- Page
- Seite 60 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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60 No. 7 LITER ATU R B L ATT Schiuld tragen w,enn er auch schon von der Zukunft träumt, in der er sich in ehrlicher Arbeit durchbringen wird. Aber man soll ״oben“ nicht von seinein ״Geschäft", sprechen, denn alles unreine soll auf ewig fern bleiben, von seiner Tochter. Sie .muss rein bleiben, muss! Ein Toraroile lässt er schreiben und stellt sie in Riwkeles Zimmer, um Gott zu zwingen, dass er, ihn zu strafen, nicht das teure Kind zu TaH kommen lasse. Uno doch — diese lauscht lästern nach untdrk si£,:-die ׳Trichter der Dirne, hat in den Adern das Blut der Mutter. Und als sich unten eines der Mädchen wegstiehlt, um zusammen mit ihrem Bräutigam Jankel Konkurrenz zu machen, da geht Riwkele mit ihr. Der Vater ist vernichtet, da er es hört, alles wanlrt, alles stürzt — ein Ausweg noch — vielleicht ist sie noch rein, da man sie am Tage darauf zurückbringt;. Und als auch diese letzte Hoffnung versagt, da stösst er die feigen Vermittler von sich, reckt sich empor, stösst Frau und Kind hinunter, die Dirne zu den Dirnen. Und er bricht zusammen. * ״ * •&' Dies die kurze Fabel. Sie ist es nicht, die die Stärke des Dramas ausmacht. Aber Asch! hat seine Gestalten selbst gesehen, nicht durch die: Brille der Tendenz, sondern verstehend als ein Dichter. Was war es. das in Gorkis Nachtasyl die Hörer aufrüttelt und mitempfinden liess? Nicht die Fabel, die ich nicht kenne, obwohl mir die Szenen deutlich vor Augen stehen Bild für Bild. Sondern dies: dass man in gährendes Leben einen Blick tat. Dies war das eine in dem Drama aus dem Jüdischen. Die widerspruchsvolle jüdische Natur wand biosgelegt. - Wenn Alfred Klaar in seiner Besprechung sagt, man könne das Stück völlig in eine andere Sphäre übersetzen, ohne dass es.darum schlechter oder besser würde, so beweist er damit seine Verständnislosigkeit dem Werke gegenüber. .Man kann das Stück in absolut kein anderes Milieu verpflanzen. Es ist durchaus jüdisch, durchaus. Jankel ist in dieser besonders geartetbn Differenziertheit seines Wesens nur Jude. 1md•. anders nicht denkbar. Sein Verhältnis zu Gott ist nur jüdisch denkbar. ״ Man vergleiche die Stelle, in der Franz Moor irrt Bewusstsein seiner Schuld betet mit dem Auftritt, in dem Jankel neben der Tora (die er nicht berühren darf) den Herrn aus dem Himmel niederziehen will und ihm auseinandersetzt, wie er ihn und sein Weib strafen und seine Tochter erretten müsse. Man sehe auch die Art des religiösen Untergrundes, vergleiche diesen etwa mit dem in Hebbels Maria. Magdalena. Es kann nicht Wunder nehmen, dass Klaar. der dies nicht sieht, auch zu windschiefen Urteilen kommen muss. (Es liegt mir fern, dies im Tone des Vorwurfs zu sagen. Zu.n1׳ ersten Male ist es ja versucht worden, einem deutschen Publikum eine Probe unserer modernen Literatur zu geben.) •* * Nur wenige Worte über die Technik. Auf zwei epische Akte, von denen besonders der erste eine feine Milieuschilderung bietet, auf zwei epische Akte folgt eir. lyrischer. Der aber, in dem sich die Natur Jankeis Schepschowitschs zu voller Grösse emporreckt, packt mächtig. In׳■ ihn»■ besonders spürt man die Hand des Dichters, in ihm erkennen seine Bekannten den Schalom Asch, der in feinen Skizzen die Seele unserer russischen Brüder gezeigt hat. Von groben Effekten hat sich der Autor ׳/urückgehaltem. Dramatischer Aufbau, die Kunst der Steigerung■ und. Ent- Wicklung allerdings fehlt ihm vollkommen, er gibt Szenen und Bilder, lebendige Szenen allerdings und wahrhafte Bilder. * *