Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- III (1907)
- Issue
- 7 (29.3.1907)
- Date
- 1907-03-29
- Page
- Seite 61 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/8295971-9046061-8238381--511-8190138- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
No. 7 LITE RA TU RßL ATT 6i Nach der 'i'ragödäe kam das Satyrspiel der deutschen Kritik. Einige, das BERLINER TAGEBLATT, der LOKAL-ANZEIGER. Kerr, im; TAG, gingen in ehrlichem Bestreben daran, das Gebotene zu verstehen und haben so auch etwas darin gefunden, das zu ihrem Herzen sprach. Im weitaus grössten Teile der Presse aber werden alle Bande ed,eln Stiles geiiopkert. um ״ästhetische‘‘ Urteile zu fällen. Da liest man, wie der Bordeiiuichter“, ״dieses widerwärtigen- ־Judenstückes“ ״der. von der russisch-preussischen Grenze importierte Schriftsteller Schalom Asch“ ״sich in die Herzen der Zuhörer liineinmauschelt“, worauf ihm ״hysterische Jünglinge und Jungfrauen einen grossen Erfolg markieren wollen.“ Die Leser dieser Sätze־werden •gebeten, hierzu Zolas späteres Vor- ־wort zu Therese Raquin ,zu lesen, , *I Wenn wir den Betrachtungen noch einige Worte anfügen, so wollen wir unserer Genugtuung Ausdruck geben, dass die jüdischen Literatur eine Stätte eingeräumt worden.ist,, von der aus sie hier zum. ■Publikum sprechen könne. Wir hoffen, dass die errungene Position verteidigt werden wird. Wir haben manches zu künden, wenn man uns an hört, in uns schlummern Jahrhunderte lang zurückgedrängte Lieder. Lieder sind es stillen Gedenkens, Lieder, gläubigen Höffens, Lieder von Schönheit und Kraft. Sie werden erwachen in uns zum Leben. Und wir hoffen, dass dann Ohren sein werden, die sie hören, und Seelen, die sic. verstehen. Lazaru s Ha r ׳ ז!!.!. Literaturbericht Rene Richter, Die Ent w i c k 1 u 1t g eine s m 0 d e r neu Juden. Roman von Lothar Bsieger-Wasservogel. ■ Die innerste, tiefste Bedeutung einer Umwälziuigsepoche wird, nierual! durch eine noch so ■gründliche tmd objektive geschichtliche Darstellung, so überzeugend anfgezcigt werden können, wie durch das Schauen und Gestalteu des Dichters.' W'as .vom.,Einzehnenschen empfunden ,wird, kann auch nur 'durch, die Entwicklung eine Einzelpersönlichkeit 'zu lebendiger Anschaumig verkörpert werden. Diese dichterische Geschichtsschreibung legt keinen Wert ■auf das• Wie des'Geschehens, aber sie greift hinein in das Weben und •Wachsen der Gründe. Wenn sie das wirklich vermag, dann kann sie des Dankes der Mit- und Nachwelt versichert seih,' Der Zeitgenosse wird in der Darstellung des Lebens, in dem er selbst steht mul kreist, mächtige Hebel des Verständnisses für unbeachtete Werte seiner selbst und seiner Umgebung finden; und für den Spätgeboren wird eine solche Darstellung der einzige Weg zu der Erkenntnis sein, warum alles so hat kommen m i; s s e n wie es kam. ,,Rene Richter ist ein Tertd.enzrarnan.“ Gut. Aber ist damit etwas über seinen Wert gesagt, ihr Herren Kritiker? Die Tendenz gibt der Dichter selbst kund: Er wolle die Entwicklung eines modernen .Juden zeichnen. Ob er sie w a 11 r 11 a f t i g und w a h r s c 11 e i n 1 i c 11 gezeichnet hat, das sind die beiden Hauptfragen, die über den Wert des Versuches entscheiden. Wir können beides bejahen. In der Tat. es geht eine grosse, schöne Ehrlichkeit durch das Buch, die nichts beschönigt und verschweigt. Und ist die Entwicklung Rene Richters eine wahrscheinliche? Das will ich meinen. Jeder von uns hat ein Stück von diesem Rene Richte!• in sich. Ja, vieles in dem Roman erscheint uns doch nur deswegen als selbstverständlich oder tendenziös, weil wir in diesen Gedanken tagein tagaus leben und diese Anschauungen als unsere politische und geschieht philosophische■ Überzeugung vertreten. Denen von uns, die den Rene Pichler in sich erlebt haben und noch erleben, bietet de.!• Roman vielleicht