Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- III (1907)
- Issue
- 7 (29.3.1907)
- Date
- 1907-03-29
- Page
- Seite 58 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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58 ,LITERATURBLATT No. 7 :Es gehört Mut dazu, sich! heute ais Adelsmenschen zu geben, — seinen Stammes- — seinen Geburtsadel stolz zu tragen — nicht im höfisehen Zirkel, — sondern in den Geistesarena, im Wettstreit der Sänger. ״Die adligste Eigenschaft ist der Mut; und wenn es noch eines Beweises für den Aristokratismus des jüdischen Volkes bedürfte, so wäre es sein Mut, wieder ein Volk sein zu wollen“ schrieb einst Börries von Münchhausen. — Aber wie erstaunt war er, als ihm zum ersten Mal die Ghettolieder unseres lieben Morris Rosenfeld zu Händen kamen. —, Das ist die jüdische Dichtung? — Er hat die Juden nie erkannt, wie sie sind, — nui wie sie sein müssten; und aus einem wunderbaren prophetischen Irrtum heraus schrieb er seinen ״Juda“. Und deshalb hat er uns so viel gegeben, — viel, das wir aus eigener Kraft nicht zu schaffen , vermocht hätten. —■ Ich biauc-he in diesen Blättern nicht erst zu betonen, wie viel unendlich fruchtbare Keime jüdischer Kunst und jüdischer Tatkraft ,noch schlummerns die wenigen Jahre neuerwachenden jüdischen Selbstbewusstseins haben nie geahnte Wunder gezeitigt. Und doch —- wir wollen nicht blind sein gegenüber unseren Mängeln und gegenüber unseren UnvoHkammenheiten Wir wissen, diass die Nation, der Stamn\ die Individualität die Duelle aller Kunst ist. -׳״■■wie das Weltganze, das Meer, in das sie mündet. Nie wird ein Germane einen ״Atta Troll‘‘ schreiben und nie ein Jude einen ״Jörn Uhl‘‘; doch Germane und Jude werden sich der Gaben'Heines und Frensseiis freuen. — Und Münchhausens ״Balladen“' sind, ichi sagte es schon, urgermanisch, — aber der Geist, aus dem sie geschrieben, ist der Geist des Aristokraten, des Edelmannes und aus diesem Geist heraus müsste in jüdischer Diktion und mit jüdischem Empfinden auch der jüdische Dichter schreiben können. aber heute kann er es nicht, noch nicht. Das Adelsbewusstsein ringt sich langsam, langsam durch, — noch lastet die Sklavengewöhnung auf uns allen, auch auf unseren Besten! : ׳ Und doch ist es das•,• was wir gewinnen müssen, wollen wir zu Wahrhaft jüdischen Taten und zu wahrhaft jüdischer Kunst gelangen! Münchhausen und Rosenfeld, — welche Kluft zwischen ihlnen. Hier der kräftige blühende Junker, — der wahrlich über das ״Dichterlos‘‘ nicht klagen kann, schwarze Pferde und roten Wein und weisse Frauen, —־ alles war sein, — der auf schnaubendem Rosse durch Leben jagt, die Blüten bricht und jauchzend zur Höhe blickt, — dort der blasse, dem Erblinden nahe, hungernde Schneider, der in gleichförmiger hoffnungsloser Arbeit sich verzehrend, von Erlösung anderer Generationen träumt und dem schwermiitige Weisen nur leise sich von den Lippen lösen! ,— Seine Tränen sind Juwelen und wir halten sie hoch, - Gaben des armen versklavten Dichtervolkes; — aber wir brauchen auch das andere, — den Stolz des. K:ö n i g s im Exil. — Selten, — ganz selten nur leuchtet der Purpur durch die־ Fetzen! und heisser Neid könnte mich fassen, wenn ich die sichere Ruhe iener mit unserer nervösen Spannung vergleiche. — Wollen wir aber ein starkes Geschlecht, brauchen wir Sänger unserer Kraft, nicht nur unseres Elends. Und vor allem wollen wir, die wir den ältesten Adel vorstelien.