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Jüdische Rundschau · 1907-03-22 · 6 (22.3.1907) · p. Seite 32

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
III (1907)
Issue
6 (22.3.1907)
Date
1907-03-22
Page
Seite 32 (sequence 4)
Language
German
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m No. 6 LITERATURBLATT Literatu rberieht Die Entstehung des ׳Christentums. Von O. Pfleiderer. 1905. J F. T. eh» marins Verlag, München. VI und 255 S. 8°. 4 Mark. Ls ist ein durchgehender Charakterzug der zahllosen Werke übe» die Lnistehung und das Wesen des Christentmiis, dass sie ohne intime. Kenntnis des Judentums, seiner fint\vick!un&,* und seines Ideengehaltes zur Zeit Jesu geschlichen sind. Kein Wunder; ihre Verfasser sind christlicht. 1 hcologen und naturgemiiss durch Jahrzehntelange Denkgewohnheiten.befangen. Willen sie philosophisch, wie Harnaek, das Wesen des Christenturns herausscluilen, so iietern sie Apologelik; wollen sie historisch, wie Pileiderer. die Entstehung des Christentums darstellen, so liefern sie ־; Apologlctik. Sie gehen von bestimmten religiösen persönlichen Vor- Stellungen aus, und diese finden sie wieder in den Lehren und der Oeschichte des Christentums, oder aber — sie konstruieren sie hinein. Dies Urteil klingt vielleicht hart, und es soll durchaus der Bedeutung des und jenes Gelehrten für die Einzelforschung nicht zu nahe treten, aber man ward cs bestätigt finden, wenn man Pfleiderer's ״Entstehung des Christenturns־‘ liest. Kann niar. aufgeklärter sein als Pfleiderer? Er will alles, was frommer Glaube ist, hier ausschalten, ״der Standpunkt, von dem aus hier die Entstehung des Christentums beschrieben wird, ist der rein ges c h i c 1111 i ch e“. (Seite 1,1. Aber er hat an diesen! guten Vorsatz nicht immer festgehalten, die geschichtliche Behandlung wird zuweilen zu einer blossen Übertiinchiuig, unter der alter, echter, liberaler Rationalismus hervorlugt. , Besonders unangenehm fällt das bei der Erörterung der ״Auferstchung“ ׳'Jesu auf. Anstatt sie für das zu erklären, was sie ist, eine spätere, aus der mystischen Überarbeitung des Urchristentums stammende Legende, gibt sich PfL krampfhafte Miihe, sie ״psychologisch“ begreiflich zu machen als eine Art Vision der Jünger, die sich einer grösseren Zahl von Gläubigen mitgeteilt hat. — Und was soll man dazu sagen, wenn der ״Historiker“ Pfleiderer vom Tode Jesu sagt (S. 107)• ״Mit der erschüttern- ׳den Tragik dieses persönlichen Lebensausganges kann uns nur der Gedanke versöhnen, dass er das unvermeidliche providentielle Mittel war zu!n Aufgang eines höheren Lebens‘‘. Mit diesem Glaubensbekenntnis hätte sich der Theologe Pfleiderer viel Arbeit ersparen können. Was uns Juden vorwiegend interessiert, ist die Behandlung des jüdischen Moments in der Entstehungsgeschichte des Christentums. Pfleiderer ist dem Judentum nicht gerecht geworden. Er beleuchtet seinen Einfluss mit genügender Ausführlichkeit, aber er sieht cs mit den Augen der Evangelien. Auch das ist überaus charakteristisch. Er kritisiert die Evangelien durchaus treffend in ihrer Bedeutugn als Quellen, er weiss, dass sie Tendenzschriften sind, er spricht von dem ״eigentümlichen autijüdischen Geschichtspragmatismns“ der Apostelgeschichte, von der ״Judenieindsehaft‘1 des Lukas. Aber so wenig der Philosoph, der den Wert des Geldes verächtlieh himvegdisputiert. im täglichen Leben seiner entraten kann, so wenig vermag es P1L, sich von׳ dem mit der Muttermilch eingesogenen Bild des Judentums, das dicEvangelien ihm geliefert haben, loszumachen. Es ist das übliche Bild von der ״Gesetzesgerechtigkeit“ der Pharisäer, von der Unterdrückung jeder wahrhaft innerlichen sittlichen Regung durch den Formalismus der approbierten Heiligkeitskünstler. Hillel wird kaum erwähnt, und so ist cs verständlich, dass schliesslich Pfleiderer dazu kommt, im pharisäischen Judentum lediglich eine ״negative Vorbereitung“ des Christentums zu sehen. Alle die bekannten Schlagworte kehren hier wieder: Vorn ״gerechten“ Gott der Juden im Gegensatz zum ״liebenden Vater“ des Christentums, von der angeblichen jüdischen Lehre, dass man nur den Volksgenossen zu lieben brauche. Wir hören, dass im Judentum nur das

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