Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- III (1907)
- Issue
- 4 (15.2.1907)
- Date
- 1907-02-15
- Page
- Seite 36 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/8295971-9046061-8238378--483-8190113- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No. 4 36! LITERATURBLATT Frankreich zerrissen gesehen, — nur durch einen festen Willen konnte es gerettet werden. Die schöpfende Kraft aller für den Staat war sein höchstes Ziel, daher mussten auch die Judenmassen, deren nationale Zähigkeit er bewunderte, herangezogen werden. Und was wir in seinen Erlassen unangenehm empfinden, dass er in dem nationalen Grundwesen des Judentums etwas dem Franzosentum Fremdes sieht, lernen wir bald günstiger beurteilen, wenn wir den strengen Ernst beobachten, mit dem er die der Emanzipation widerstrebenden Mächte zu vernünftiger Toleranz gegen das bisher unfreie Volk lenkt. (Schluss folgt.) Literaturbericht M a r c h e ת für grosse Kinde r. Von M. Pfitzner. Berlin: L. Snrt'on Nacht 1907, /4 S. 8u. Die Pfitznerschen Dichtungen sind unseren Lesern nicht mehr unhekannt. Auch die eiste Sammlung der Märchen wurde in diesen Blättern besprochen und jetzt wo die Dichterin neue Märchen auf den Tisch der grossen Kinder niederlegt, können wir kein Lobeswort zurücknehmen, das wir der ersten Sammlung gewidmet haben. Die gleiche schöne Sprache, die gleiche Empfindungswelt und dieselbe Herzlichkeit und Innigkeil wie dort. Auch diesmal werden die Kinder, ich meine auch die kleinen Kinder, durch freudige Aufnahme die allerbeste Kritik üben. Diesmal haben uns Mauseline, Aus Maulwurfsheim und Der wohltätige Papagei am meisten gefallen. Wir werden stets neue Märchen und neue Geschichten der liebenswürdigen und gemütvollen Dichterin freudig begriissen hl. Grossstadt-Dokumente 6. Band. Herausgegeben von Hans 0 8 t w a :1 d. Sekte n 11 11 d Sektierer in B e r '1 i n.׳ Von Eberhard Büchner. Berlin und Leipzig: H. Seemann Nachfl., G. m b.H. 109 S. 8°. In dankenswerter Weise werden wir in die Psychologie der Sekten geführt. Freilich fehlt der grosse historische Zusammenhang, der nicht hätte fehlen dürfen. Hier ist eine geschlossene Kette von den Manichäern und den Gnostikern bis zur Heilsarmee, den Theosophen, der Oschm- Rahnah-Josijah und den Totenbeschwörern. Die jüdische Sekte der Johannesscrasse, die zum Unterschiede von den christlichen die Reichen einigt, ist nicht dargestellt. Im ganzen sind es interessante Momente aus dem Grossstadtleben, die wenig beachtet sind, aber die Beachtung verdienen. m. n. Dr. Kurt Aexander, Berlin. Die! soziale Unruhe der modernen Juden (Preussische Jahrbücher. Januarheft 1907). Verfasser versucht eine Erklärung der ״sozialen Unruhe der Juden“, wie er die uns allen bekannten beruflichen Flucktuationen treffend nennt, in einer Analysierung der sozialen Struktur des Ghetto zu finden. Das Ghetto hat nach ihm keine soziale Differenzierung gekannt. Alle hatten die gleichen Berufe, alle waren täglicher Vertreibung und Verarmung durch ein Jahrtausend ausgesetzt. Ais das Ghetto fällt, stösst die Jude auf die kastenartig festgegliederte deutsche Gesellschaftsordnung. Er gehört im Grunde zu keiner der Schichten, bleibt stets Aussenseiter,■auch der Bürgerklasse, und sucht, durch forcierten Gelderwerb wirtschaftlich vorwärtszukommen und sich sozial einer möglichst hochstehenden Schicht anzu-