Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- III (1907)
- Issue
- 2 (18.1.1907)
- Date
- 1907-01-18
- Page
- Seite 13 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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LITERATURßLATT 15 No. Jesus Christus vom Standpunkte des Psychiaters. Eine kritische Studie fii'r Fachleute und gebildete Laien von Dr. de Loosten. (Dr. Georg Lomer). Bamberg. Verlag und Druck der Handels-Druckerei. 104 S. 8°. Die Wege, die der geistvolle und federgewaltige Möbius eingeschlagen hat. locken viele Ärzte, besonders Nervenärzte. Und es ist sicher wahr, dass noch eine Fülle überraschender Aufklärungen über die Wesens- und Wirkungsart grosser Menschen gegeben werden können, die nur der Arzt geben kann. Nur der geschulte Arzt kann mit einiger Sicherheit die fliessende Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit des Geistes festlegeu.. Aber sein Können verpflichtet ihn zu gedoppelter Vorsicht; er schadet dem gesunden Grundgedanken dieser ״ärztlichen Erörterungen auf dlem Gebiete der Literatur“, wenn er überall Krankheit wittert. Dass auch die Person Jesu einer solchen Betrachtung unterzogen wird, ist ■an sich keine Verfehlung. Nur wird!man mit einigem Zweifel und einiger Neugier an die vorliegende Untersuchung de Loosten’s herangehen? Jesus geisteskrank? D,e Loosten’s Diagnose lautet: ״Jesus ist wahrscheinlich ein von Geburt her erblich belasteter Mischling gewesen, der als geborener Entarteter bereits in früher Jugend auffiel durch ein übermässig stark ausgeprägtes Selbstbewusstsein, vertunden mit ,einer hohen Intelligenz und einem gering entwickelten Familien- und Geschlechtssinn.“ , ״Sein Selbstbewusstsein steigerte sich, in langsamer Entwickelung bis zu einem fixierten Wahnsystem, dessen Einzelheiten durch die intensive religiöse Richtung der Zeit und seine einseitige Beschäftigung mit den Schriften des Alten Testamentes bestimmt waren.“ ״Begleitet war diese psychische Affektion von zahlreichen Haitucinationen, welche sich auf mehreren Sinnesgebieten bewegten, und deren Eigenart sich stets nach dem Charakter seiner Wahnvorstellungen richtete.“ Hiernach handelt es sich bei Jesus um halluzinatorische P ara n 0 i a. Hier ist nicht der Ort für eine genaue medizinische Auseinander- Setzung!vieler Einzelfragen. Aber wir vermissen oft die nötige Vorsicht in den Schlussfolgerungen, zumal auf die Probleme der Bibelkritik keine Rücksicht genommen wird. Es^ ist nicht bewiesen, dass er ein Mischling, dass er erblich belastet war. Sein Selbstbewusstsein ist durch seine hohe Intelligenz genügend erklärt und zeigt keine direkt krankhaften Züge. Die Konflikte mit seiner Familie sind erklärlich. Seine Sexualanamalie ist vielleicht (?) die Folge einer freiwilligen Castration; sie trägt nicht den Charakter angeborener Abnormität, sondern bewusster Askese. Seine religiösen Ideen als ״Wahn- System“ abzutun. geht nicht an. Nach L’s Verfahren wären dann alle Propheten Wahnsinnige gewesen. Ebensowenig ist es angängig, Visionen und Halluzinationen gleichzusetzen. Es sind oft nur Gleichnisse, oft Produkte der Phantasie, aber nicht pathologische Sinnesempfindungen. Der Hauptfehler L’s liegt darin, dass er als gesund nur gelten lässt, was sich!im Rahmen der Durchschnittlichkeit hält. Damit nähert er sich gegen seinen Willen der Theorie Lombrosos. Aber die Variationsbreite des ״Normalen“ ist gross. Was ist ״normal?“ Der Begriff ist hier viel zu eng־ gefasst. — So kommt es, dass uns durch diese psychiatrische Studie die Persönlichkeit Jesus’ nicht klarer, sondern unklarer wird. Wir verstehen fast nicht mehr, warum er doch ein grosser Mann war. Doch die Schrift de L.’s hat das Gute, dass sie über alle diese Fragen zum Nachdenken und zu Vergleichen anregt, und sie ist interessant geschrieben. Dr. E. A.