Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1907-01-18 · 2 (18.1.1907) · p. Seite 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
III (1907)
Issue
2 (18.1.1907)
Date
1907-01-18
Page
Seite 12 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/8295971-9046061-8238376--457-8190089
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

12 No. 2 LITERATURBLATT nehmer und gelehrter Engländer, die Beschuldigungen betreffend, die man der jüdischen Nation zu machen pflegt, vorgelegt hatte“. (Fortsetzung folgt.) Literaturbericht Kritische Beiträge zur Entstehungsgeschichte des Christentums, von Dr. B. Kellermänn. Berlin. Verlag־ von M. Poppelauer. 1906. (91 S. 8°.) Kellermann steht in den wesentlichsten Fragen auf den Schultern Kalthoffs, dessen radikale Kritik des Neuen Testaments er sich zu eigen macht. Der wesentlichste Punkt der Kritik ist die Leugnung der Existenz des Jesus als historischer Persönlichkeit weiterhin auch des Paulus. Es ist in der Tat zuzugeben, dass die Existenz Jesu dokumentarisch nicht nachzuweisen ist; die viel umstrittenen Stellen bei Josephus und Tacitus beweisen bekanntlich nichts. Aber von hier bis zu Kalthoffs Standpunkt ist noch ein weiter Schritt. Auch die Leugnung kann naturgemäss nur durch indirekte Beweise gestützt werden. Sie gewinnt eine gewisse Wahrscheinlichkeit wenn durch sie und den an sie anschliessenden neuen Erklärungsversuch die rätselvolle Entstehungsgeschichte des Christentums klarer wird. Aber grade das kann hier keineswegs zugegeben werden. Die sozialen Kräfte, die Kalthoff und mit ihm Kellermann als Entstehungs- Ursachen des Christentums betrachten, mögen die Entwicklung erst ermöglieht und in ihrer Dichtung bestimmt haben, mögen aus das überlieferte Bild Jesus’ wesentlich beeinflusst haben, aber sie lassen sich nicht anstelle Jesus’ setzen. Mit dieser Annahme ist und bleibt die Entstehung und Ausgestaltung des historischen Christentums, zumal sie im wesentlichen in Rom erfolgt sein soll, völlig unbegreiflich, und die Dogmengeschichte zwingt dann zu soviel Allegorismen und Inkarnationen theoretischer Begriffe, wie sie wohl im Kopfe des spekulativen Historikers, niemals aber in der primitwen Entwicklung einer Glaubensgemeinschaft entstehen können. Als Beispiel diese!■ Art der Darstellung sei ein herausgegriffener Satz K.’s zitiert (S. 59): ״So gewiss Christus keine historische Personlichkeit, sondern nur ein Gattungs-, ein Gemeinschaftsname ist, so gewiss bedeutet auch der ״Sohn Gottes“ nichts anderes als die göttliche Sanktion der Synthese aller Kulturtriebe, die bei der Entstehung des Christentums wirksam waren.“ So unwahrscheinlich und verschwommen dieses Zweite ist. so unsicher ist auch die erste These. Wenn K. an anderer Stelle sagt, dass die in den Evangelien überlieferten Sprüche höchstens auf irgend einen Autor, aber noch lange nicht auf Jesus schliessen lassen, dann gibt er schon das Wesentlichste zu. Es mag sein, dass in diesen Werken sich soziale Zustände und Volkssagen wiederspiegeln, aber darum bedarf doch die Ilias und Odyssee eines Dichters Homer als Verfasser. — Fast noch schwerer als Jesus ist aus der Jugendgeschichte des Christentums Paulus als Persönlichkeit wegzudenken. Im einzelnen bietet die Schrift K.’s sehr viel des Interessanten, wenn sie auch nicht quellenkritisch, sondern rein theoretisch angelegt ist. Zumal die Beleuchtung des Mfnäerproblems bietet manches Neue, nur ist auch hier die Auffassung des Paulus als eines ״Begriffs“ eher hinderlich als förderlich. Ben Baruch.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.