Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- III (1907)
- Issue
- 1 (11.1.1907)
- Date
- 1907-01-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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LITERATURBLATT No 1 3 sind wir nicht in der Lage, kontrollieren zu können, wie sehr er durch die Abhängigkeit von dem Original und dessen schlechte Ueberlieferung in seiner Nachdichtung leidet. Dazu kommt, dass dort wo die Phantasie am weitesten den Himmel der Mystik aufreisst, so in der Geschichte von dem Meister des Gebetes und in• der unvollendeten Geschichte von den sieben B'ettlern, wir kalten Norddeutschen dem Fluge des Adlers nachsehen, der sich in himmlische Höhen erhebt, und von dem wir um so weniger erkennen, je höher er sich in seinem Fluge erhebt. Wir bleiben am Boden, während das Flügelross der Sonne entgegenbraust und uns zurücklässt. Uns fehlt die religiöse Inbrunst, die tiefe innerliche Glut und die sich aus dem Konkreten loslösende Phantasie, um folgen zu können. Wir bewundern die Grösse, aber wir begreifen sie nicht mehr. Wir stecken viel zu sehr in der konkreten Natur, um auf den Schwingen der Phantasie so dahin zu eilen. Wir lieben die Einfachheit selbst in der Dichtung viel zu sehr, als dass wir diesen Dichtung und Phantasie gewordenen Ethos in seiner vollen Schönheit geniessen könnten. Immerhin lässt uns der Dichter ein gutes Stück Mystik piitgeniessen, freilich wohl dort am meisten, wo er am meisten an dieser staubigen Erde glaubt haften geblieben zu sein. Grade die ersten und einfacheren Geschichten behagen unserm, dem Märchen keineswegs abholden Sinne am meisten. Nur wissen wir, dass ein himmelweiter Unterschied ist zwischen dem, was Rabbi Nachman erzählt und dem, was Märchen ist. Auch das Lehrmärchen bleibt Märchen. Andersens Mleisterwerke sind tiefsinnige Erzählungen für die reifsten Geister und sind zugleich die liebste und schönste Unterhaltung der Kinder. Es ist gar nicht nötig, dass das Märchen eigentlich Wunderbares enthalte und man kann das Wunder noch so sehr für die Kinder verwerfen und muss doch das Märchen als die eigentliche Poesie der Kindesseele erkennen. Wenn die Geschichten des Rabbi Nachman Märchen sind, so zeigen sie, dass er die Absicht hatte, zur Kindesseele des jüdischen Volkes zu sprechen. Wenn er dabei fast nirgends den eigentlichen Märch:enton und nur die Wundergeschichte gewählt hat, so hat das seinen Grund, dass die Kindesseele des jüdischen Volkes eben eine alte, eine: recht alte Kindesseele ist. Martin Buber mag vielleicht recht weit den Urtext verlassen haben. Das hindert nicht, dass er durch diese Geschichten einen recht tiefen Blick in die Seelenwelt jüdischer Mystik tun lässt. Er hat vielleicht das Wort und sicher den Buchstaben recht sehr verlassen, aber jedenfalls den Geist getreu wiedergegeben. Wir werden dem Namen Martin Buber immer und immer wieder begegnen, wo wir schaffendes Judentum finden. Heinrich L o e w e.