Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- III (1907)
- Issue
- 1 (11.1.1907)
- Date
- 1907-01-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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LITERATURBLATT No. 1 schem in der Synagoge vermisst, wo man endlich mit dem Gebet beginnt, in der Erwartung, dass er doch jeden Augenblick eintreffen müsse. Als er aber auch nach Stunden nicht kommt, da macht sich die ganze Gemeinde auf, nach ihm in höchster Angst zu suchen. Als sie ihn endlich finden, sitzt er in einem entlegenen Häuschen an der Wiege eines schlafenden Kindes. Er. war vorübergegangen und hatte das Kind weinen gehört, dessen Mutter Kolnidre wegen zur Synagoge gegangen war. Ohne weiteres nahm er den Platz der Mutter ein, um das Kind durch Schaukeln und Singen in Schlaf einzulullen und dann bei ihm Wache zu halten, bis die Mutter, die von alledem keine Ahnung hatte, vom Gottesdienst heimkehre. In dieser Erzählung kommt die) ganze Gesinnungs- und Geistesrichtung des Stifters des Chassidismus vollauf zum Ausdruck. Und ganz dieselben Anschauungen und dieselbe Gemütsverfassung vor allem wiederholt sich bei seinem Urenkel, dem Rabbi Nachman, dessen Geschichten uns Martin Buber wiedererzählt. Dass grade Martin Buber es ist, der uns in diese Geisteswelt einführt und sie nachdichtet, ist ebenfalls ein Beweis dafür, dass sich ideelle Neigungen in jüdischen Familien vererben. Es ist kein Zufall, dass sein Grossvater Salomon Buber, dessen Verlust das Judentum heute beklagt, der Midraschforscher ist, während e r den Geschichten des chassidisch'en Midraschdicchters nachgeht. Hier zeigt sich wieder, dass Martin Buber nicht bloss in die Fussstapfen Seines Grossvaters als des Maskil eintritt. Wünschen wir ihmi dass ihm einst Enkel Werke jüdischer Wissenschaft und nationale jüdische Taten zu Füssen legen, wie er jetzt seinem Grossvater kurz vor seinem Hinscheiden dieses Buch widmete, in dem wir einen neuen geistigen Fortschritt Hubers mit Freuden konstatiefen. In dem Buche müssen wir an Bubers Arbeit zweierlei scharf unterscheiden. Der erste Teil zeigt uns Buber als Historiker der jüdischen Mystik und lässt den Wunsch laut werden, dass er es nicht bei diesem vorzüglich gelungenen Versuch lassen möge, sondern und wirklich eine grosse Geschichte der Mystik des jüdischen Volkes in Angriff nehmen möge. Hier zeigt sich uns Buber als ein tief ins Herz der Mystik und Mystiker blickender Historiker, der trotzdem er in der Welt der Realitäten lebt, eine mystische Saite im eignen Herzen mitklingen lässt. Durch eine gewisse Geistesverwandtheit ist er dazu berufen, dien Rabbi Nachman von Bratzlaw lebendig vor uns erstehen zu lassen und ihm Fleisch und Blut zu geben. Hier ist Buber Dichter im Sinne des Historikers. Es ist dies unstreitig der beste und vorzüglichste Teil seines Buches. Dort wo er in gelungener Weise die Geschichten des Rabbi Nachman nacherzählt, und wo er blosser Dichter ist, zeigt sich dibse dichterische Begabung nicht in demselben Masse. Freilich