Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- II.1906
- Issue
- 25 (30.11.1906)
- Date
- 1906-11-30
- Page
- Seite 204 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/8295971-9045928-8238371--423-8190051- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
204 LITERATURBLATT N0. 25 Vorgeschichtliches vom Zionismus Dritter Zeitabschnitt. (Bis 1897.)) Von Heinrich Loewe. (Schluss.) Die Angst vor der Einberufung des Kongresses, die den Rabbinern in alle Glieder gefahren war und die vom Münchener Rabbiner, der sich nicht allein fürchten wollte, nach Kräften angefacht wurde, veranlasste den Vor־ stand des Rabbinervereins, namens ihrer Korporation die unerhörte Schmach zu begehen, feierlich dem Zionismus und den Zionisten eine Absage zu geben, und dabei diese Bestrebungen nicht bloss für dem Judentum© zuwider u klären, sondern um sich selbst als gute preussische und deutsche Patrioten hinzustellen, dem Polizeistaate einen Wink durch die Erklärung zu geben, dass der Zionismus eine Velrletzung der Staatsbürgertreue darstelle Diese mutige Verleumdung, dass der Zionismus dem Landesverrat nahe stehe, hatte eine andere Wirkung, als sie haben sollte. Sie untergrub das ohnehin auf sehr schwachen Füssen stehende Ansehen der Rabbiner, von denen die meisten dadurch noch lächerlicher in ihrer staatsrettenden Gesinnungstreue wurden, weil sie ausländische Juden waren, für die also der deutsche Patriotismus noch den Reiz der Neuheit hatte. Der Rabbiner- Protest führte daher denn auch eine ganze Reihe anständiger Juden zum Zionismus die ohne ihn gar nicht auf ihn aufmerksam geworden waren. Aber auch das andere Hindernis, das sich in den Weg stellte, erwies sich im Verlaufe der Zeit als einen Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und nur das Gute schafft. Der Mangel an Subordinationsfähigkeit veranlasste eine kleine Gruppe älterer Halbzionisten, sich zwar offen anzuschliessen, aber heimlich gegen das Zustandekommen des Kongresses zu wählen. Wäre diese Maulwurfsarbeit erst auf dem Kongresse eingetreten, so hätte Herzl schwerlich ihn halten können, da Mitglieder des Kongresskomitees. die Häupter dieser Palastrevolution waren. Briefe flogen von• Berlin und Paris nach allen Seiten, um zu! Demonstrationen gegen den Kongress aufzureizen. Herzl liess sich nicht dadurch beirren. Als man den Kongress von München hinwegdenunzierte, fand er einen freien Boden in der freien Schweiz. Die jüdische Gemeinde München hat sich in der ganzen Angelegenheit nur blamiert. Der jüdischen Gemeinde von Basel aber fiel der grösste Teil des Ruhmes zu, dass in der Mitte ihrer Vaterstadt das erste jüdische Volksparlament tagte, nachdem das jüdische Volk beinahe zweitausend Jahre lang mehr keine eigene Heimat und keine politisehe Selbständigkeit gekannt hatte. Es gelang der unermüdlichen und rastlosen Tätigkeit Theodor Herzls, der keineswegs ein Schwärmer, sqndern ein unermüdlicher, alles bisher Dagewesene übertreffende Arbeiter war, den Kongress zustande zu bringen.