Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- II.1906
- Issue
- 24 (16.11.1906)
- Date
- 1906-11-16
- Page
- Seite 196 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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196 No. 24 LITERATURBLATT Im Februar war d׳er Judenstaat erschienen. Bereits einen Monat später besprach man ihn überall, wenn auch feindlich, aber mit Achtung, Jedenfalls aber besprach man ihn. Das war der erste grosse Unterschied gegen die früheren tastenden Versuche, wo man die wichtigsten nationaljüdischen Veröffentlichungen einfach ad acta gelegt hatte. Und das war nicht bioss ein Resultat des Fortschritts der Zeiten, sondern bereits Herzls Tat. Der scheinbare Schwärmer war in Wahrheit ein Mann der Tat, der Mann der Praxis. Im April wandten sich galizische Vereine an den Verein ״Jung-Israel“, um mit ihnen Schritte zu ergreifen, um einen allgemeinen zionistischen Kongress einzuberufen. Das war, wie man im! weiteren Verlauf? der Verhandlungen erfuhr, bereits eine direkte Einwirkung Herzls. In Berlin war anfänglich die politische Richtung gegen die Abhaltung eines Kongresses, weil sie nicht an die Ausführungsmöglichkeit in absehbarer Zeit glaubte, die ״praktische“ Richtung dagegen, d. h. die Gruppe, welche lediglich eine unter der Maske der Wohltätigkeit sich verbergende Arbeit in Palästina wünschte, für die Abhaltung eines Kongresses, von dem sie die Organisation der Kleinarbeit in Palästina erhoffte und erwartete, dass die rein nationale Richtung durch eine russische Majorität abgelehnt werden würde. Aber ein volles Jahr verging mit rastlosen Arbeiten Herzls, ehe sich ein Komitee bildete, das es unternahm, einen Kongress einzuberufen. Die Referate wurden verteilt und Ort und Zeit bestimmt. Wenn aber Herzl glaubte, dass er nunmehr an den ersten grossen Schritt der Ausführung gehen könnte, so irrte er sich. Er rechnete einer• seits nicht mit dem Sklavensinn, der vielen Juden noch vom Ghetto her innewohnte, und andererseits nicht mit dem durch die zweitausendjährige Entwöhnung von allem politischen Leben, die einen Mangel an freiwilligem Unterorcmen gezüchtet hatte. Man hatte München als den Ort des Kom gresses in Aussicht genommen. Der Rabbiner des Ortes; bekam Angst. Ein Judenkongress sollte in der Stadt stattfinden, in der er amtierte. Er wandte sich daher an seine Kollegen im Vorstand des Rabbinerverbandes für Deutschland und gleicherweise an den Vorstand der Münchener Jüdn sehen Gemeinde. Die Folge davon war eine gewissenlose Hetzen die von den deutschen Juden die vermeintliche Gefahr abwenden sollte, ״wenn sie sich als Juden zu erkennen gäben.‘‘ Zwei Rabbiner, von denen der eine ein Ausländer war, der andere lange Zeit einer Stelle im Auslande halber die deutsche Staatsangehörigkeit aufgegeben und erst später mit einer besserer Stelle wiedererworben hatte, erliessen eine Erklärung gegen die unpatriotische Gesinnung des Zionismus. (Schluss folgt.)