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Jüdische Rundschau · 1906-11-16 · 24 (16.11.1906) · p. Seite 195

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
II.1906
Issue
24 (16.11.1906)
Date
1906-11-16
Page
Seite 195 (sequence 3)
Language
German
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No. 2 f LITERATURBLATT 195 Inzwischen aber war den Zionisten von einer anderen Seite ein Bundesgenosse erstanden, von dem sie anfangs nicht einmal wussten, ob sie ihn zu den ihrigen rechnen dürften. Im JEWISH CHRONICLE erschien am 17. Jan. 1896 ein Artikel ״Eine Lösung d!er Judenfrage“ von Dr. Theodor Herzl, in der dieser in Deutschland bis dahin gänzlich unbekannte Schriftsteller die Mitteilung macht, dass demnächst von ihm ein Werk erscheinen werde, das einen neuen Plan zur Lösung der Judenfrage vorschlagen wolle. Das sei die Gründung eines Judenstaates. Schon ehe das Werk erschien, wusste Dr. Theodor Herzl es zu bewirken, dass man dar• über diskutierte. Dann erschien wenige Wochen darauf seine Schrift ״Dei Judensteat“. Anstatt Herzls Judenstaat zu zergliedern, ist es angebraehter, festzustellen, was das wesentlich Neue an seinem Plane ist. Denn es ist ganz klar, dass nicht bloss in Westeuropa Herzls Auftreten epochemachend für die zionistische Idee im besonderen, für das gesamte Judentum im Allgemeinen wirkte. In dem gedanklichen Inhalt war sogar gegenüber früheren Veröffentlichungen dieser Art, im Vergleich also mit Hess, Pinsber und Rülf, vom Standpunkt nationaler Konsequenz ein gewissen Rückschritt zu verzeichnen. Während jene nationale Postulate aus historischen Erwägungen heraus gestellt hatten, ist Herzl die Judenfrage bis zu einem gewissen Grade nur eine Frage der Juden not. Er lässt die Frage, in welchem Lande der neue Judenstaat erstehen soll, in der Schwebe und hat erst später, dann freilich mit einer unverbrüchlichen Treue bis zum Tode, sich zu Palästina bekannt. Dagegen hat er sich in historischen Fragen״ insbesondere aber in der Sprachenfrage, keineswegs als Nationaljude in dieser ersten Publikation bekannt. Eine Judenstaats- Idee, die nicht vom historischen Judentum, sondern lediglich vom Mitleid mit dem sozialen Elend der Juden ausgeht, wenn ihr auch ein tiefes nationales Gefühl als festes und unerschütterliches Fundament zugrunde liegt, führt nicht sofort zur Konsequenz der nationalen Sprache. Daher ver׳ langt Herzl eine Sprachenfederation, die in einem nationalen Judenstaat nur eine Uebergangsform bilden darf, die zum hebräisch sprechenden Volke hinüberleitet. Und überhaupt ist die Idee in diesem Buche beim Juden- Staat stehen geblieben und nicht bis zum jüdischen Staate fortgeschritten. Wenn gleichwohl der ״Judenstaat“ epochemachend wirkte, wenn er dazu beitrug, das Judenvolk in seinen tiefsten Tiefen aufzuwü'hlen, so war es ein ganz anderes Moment, das zu diesem Erfolge führte. Der ״Judenstaat“ hatte auch eine Seite, die sich äusserlich als etwas ״Utopistisches“ darstellte. Das war die Art, w i e sich Herzl die Einleitung der Ausführung und diese selbst vorstellte. Man lachte in gegnerischen Kreisen darüber, dass der ״Journalist‘‘ eine Bank, eine Jewish Company, eine Jewish Society gründen wollte, und selbst in zionistischen Kreisen nahm man mehr an diesen Vorschlägen zur Ausführung, als an den grundsätzliehen Mängeln Anstoss. Herzl galt für einen Schwärmer, freilich für einen liebenswürdigen Schwärmer, den man als Dichter empfand und als Poeten gemessen wollte.

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