Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- II.1906
- Issue
- 22 (2.11.1906)
- Date
- 1906-11-02
- Page
- Seite 178 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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178 LITEl^ATURBLATT No. 22 Palästinas durch Juden zum Ziele haben. Ein getaufter Jude steht dabei obenan. Der englische Politiker Benjamin Disraeli, der Lord of Beaconsfjeld, der als dreizehnjähriger Knabe dem Taufbecken zugefü'hrt worden war, hing im innersten Herzen sein Lebelang an der Nation, aus der er hervorgegangen war. Sein Judenstolz, den er mit Mannesmut unter die Lords und ihre erlauchte Versammlung hinaufrief, führte ihn zu der Überzeugung, dass das erlauchte Blut der Makkabäer nicht auf ewig zum Wandern und Flüchten auf Erden verdammt sein könnte. In seinen Romanen Tankred, vor allem aber in seinem David Alroy, kommt die tiefwurzelnde Sehnsucht des Judenvolkes nach einem eigenen nationalen Dasein, nach einer unabhängigen Scholle zum Ausdruck. Er wollte dem Berliner Kongress sein Projekt vorlegen, Palästina mit Juden zu kolonisieren, unter dem Schutze und der Garantie der Grossmächte. Mehr noch als in seinen Romanen kommt diese jüdische Palästinasehnsucht, dieses ungestillte Sehnen nach Ruhe und Besitz im eigenen Lande, in den Romanen George Elliots zum Ausdruck. Während aber der Roman Hep-Hepmodern unbekannt blieb, machte Elliots Daniel Deronda den Siegeszug über die Welt und verstreute heimlich zuerst ganz unbeachtete Keime jüdischer Palästinasehnsucht über alle Länder. Daniel Deronda wurde ins Deutsche, Französische, besonders aber ins Hebräische und Jüdischdeutsche übersetzt und hat sich in diesen Übertragungen ein Publikum erkämpft, das treuer ist. als irgend ein anderer literarischer Anhang. Ueber die Theorie und das romanhafte Sehnen geht ein dritter Engländer hinaus, der sich einen ewigen Namen in der Geschichte Palästinas und seiner Wiederbesiedlung durch das Jüdische Volk errungen hat, das ist Sir Laurence Oliphant. Im Jahre 1879 erschien sein Werk ״Das Land Gilead“, ein Werk, in dem er die Notwendigkeit und die Möglichkeitsbedingungen einer Uebersiedlung des Jüdischen Volkes nach Palästina erörtert. Er war es auch gewesen, der ebenso wie den Lord Salisbury den Ministerpräsidenten Beaconsfield auf die Palästinakolonisation durch Juden hingewiesen hatte. Er wolhe mit dem Gründungskapital von einer Million Pfund Sterling (21 000 000 Mark) eine jüdische Kolonisationsgesellschaft gründen, neben der eine Agrarbank einhergehen sollte, um die Juden, die auf dem von der Kolonialgesellschaft angekäuften Boden sich sässig machen wollten, die Werkzeuge und Maschinen und den nötigen Kredit zu gewähren. Lord Oliphant blieb nicht bei dem Plane mü'ssig stehen, sondern siedelte selbst nach Palästina über, um seinerseits Hand an dieses Werk zu legen. Im engsten Zusammenhang mit dieser ganzen Bewegung erwarben Jerusalemer Juden im Jahre 1878 Grund und Boden des arabischen Dörfchens Mulebbis und versuchten hier eine Gründung. Sie nannten sie bezeichnenderweise mpfi פתח, die Pforte zur Hoffnung. Aber noch erwies sich ihre Hoffnung als eine trügerische. Fieber aut dem nichtdrainierten Sumpfboden und der Mangel an jeder landwirtschaftliehen Kenntnis und Erfahrung zwang sie, nach Jerusalem zürückzukehren. In Rumänien aber begann nach der Beendigung des russisch-