Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- II.1906
- Issue
- 21 (26.10.1906)
- Date
- 1906-10-26
- Page
- Seite 172 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/8295971-9045928-8238367--387-8190019- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
LITERATURBLATT No. 21 72 die •Gestalt der Toleranz und des Schutzes annehme, sei unerheblich, denn als Jude geplündert zu sein, oder als Jude beschützt werden zu müssen,, ist gleich beschämend, gleich peinlich für das menschliche Gefühl der Juden, Ein Unglück und eine Torheit sei es, dass die Juden an der Wahnvor- Stellung Gefallen fänden, dass sie mit ihrer Zerstreuung eine providentielle Mission erfüllten, eine Mission, an welche keiner glaubt, ein Ehrenamt, das wir, aufrichtig gesprochen, gern aufgeben möchten, wenn nur damit zugleich auch der Schimpfname ״Jude‘‘ aus der Welt geschafft werden könnte. ״Nicht in illusorischen Selbsttäuschungen, sondern nur in der Wiederherstellung eines eigenen, einheitlichen nationalen Bandes haben wir unsere Ehre, unser Heil zu suchen.“ Mit der Gründung eines dauernden Asyls müsse man sich beschäftigen, nicht mit zwecklosen Sammlungen von Geldspenden fü'r Pilger oder Flüchtlinge. Nicht die bürgerliche Gleichstellung in dem einen oder andern Staate vermag einen radikalen Umschwung herbeizuführen, sondern einzig und allein die Autoemanzipation des jüdischen. Volkes alsN Nation, die Gründüngeines eigenen jüdischen Kolonistengemeinwesens, welches dereinst die ureigene, unveräusserliche Heimat, das Vaterland Werden soll. -dVi^'• Frage des Landes, in dem dieses dauernde eine Asyl anstelle der bisherigen vielen und nur zeitweiligen Asyle errichtet werden solle, lässt Pinsker offen. Er nimmt Palästina und Nordamerika• in Aussicht. In Amerika hiesse es eilen, in Palästina wäre ein allmähliches Vorgehen mit System und Ordnung am Platze. Die lebende Generation solle den ersten Schritt tun, die Nachkommen müssen in gemessenem, nicht übereiltem Tempo folgen. Die nationale Wiedergeburt muss durch einen Kongress jüdischer Notablen angebahnt werden. Aber man solle den grossen Moment nicht verpassen, in dem man sich befinde. In Russland rief dieser Notschrei eines Mannes der sein Volk ver* bluten sah, •eine ebenso grosse Teilnahme hervor, wie er im Westen unbeachtet blieb. Der grösste Erfolg seiner mutigen Tat der ״Aufoemanzipation“ war aber der .Umstand, dass die bisher einzeln und zerstreut und für die Wiedergeburt des jüdischen Volkes in Palästina arbeitenden Kämpfer um ihn als den Führer sich scharten und sich seiner Leitung willig anschloSsen. Pinsker selbst aber, der ursprünglich die Frage, welches Land man zu dem nationalen Asyl auswählen sollte, dem Kongress der;jüdischen ־ Notabein überlassen sollte, erkannte mit seinem treffsicheren Scharfblick,; dass kein anderes Land imstande wäre, die nationalen Forderungen:der jüdischen Nation zu erfüllen, als Palästina. Er schloss sich, daher den Palästinafreunden an und wurde der Führer der PalästinaparteL die bis zu seinem Tode keinen anderen Führer kannte als ihn. (Fortsetzung folgt.)