Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- II.1906
- Issue
- 21 (26.10.1906)
- Date
- 1906-10-26
- Page
- Seite 171 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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LITERATURBLATT 171 No. 21 Das war nicht der Gedanke, nicht die Absicht des jüdischen Volkes in Westeuropa gewesen, was diese Summen zusammengebracht hatte. Aber die Millionäre, von denen es seine Geschäfte leiten lässt und die diese Angele.genhe.iten nach dem Interesse ihrer eigenen Klasse lenken, waren da• mals wie heute, fii'r die ״Lösung der Judenfrage in Russland“, d. h. für die Rückkehr in den glühenden Ofen. Das Elend, das durch die Pogrome hervorgerufen worden war und das jeden Augenblick wieder zu Pogrome 1 ausarten konnte, wurde durch diese gewaltsame Rücksendung der El liehtigen vervielfacht. In diesem kritischen Augenblicke vereinigten sich die Tränen, die Di-. Lev Pinsker in dem alten Gebetbuche seines gelehrten Vaters gefunden hatte, mit dem selbstbewussten Stolze, den Dr. Pinsker einer europäischen Bildung verdankte, zu dem Gedanken, dass diesen Tränen nur Einhalt getan werden könnte, wenn die Nation sich in edlem Selbstbewusstsein auf•■ raffen würde, um nicht mehr bei andern Völkern zu Gaste zu sein, sondern sein Geschick in eigene Hand1 nehmen würde. Nicht mehr die Emanzipation sei das Ziel, das man den andern Völkern abringen solle, eine Selbstemanzipatian müsse beginnen. Hillels Wort: ,,Wenn ich selbst mir nicht hel'f^ wer• denn? lind wenn nicht heute, wann denn?“ stellte er als Motto ■seiner ׳Broschüre Autoemanzipation voran, in der er den Ursachen des Autisemitismus nachging, um eine gründliche Lösung der Judenfrage zu finden. Die ״Autoemanzipation!“, Mahnruf an seine Stammesgenossen von einem russischen Juden, erschien .im Jahre 1882 anonym in Berlin. Und es isv bezeichnend, dass diese Broschüre, die in Deutschland kaum irgendwie und irgendwo beachtet wurde, in Steinschneiders Hebräischer Bibliographie הסזכיר' WO sie zu registrieren war, zu einem ebenso heftigen wie ungehörigen Angriff die Veranlassung war. Die Zeit war noch nicht gekommen, wo deutsche Juden reif sein sollten, den Err!st dieser Broschüre zu verstehen. So unbeachtet blieb diese Broschüre in Deutschland, dass die Verlagsbuchhandlung einen grossen Teil der nicht sehr grossen Auflage verpackte und vergass, so dass er erst, wieder im Jahre 1904 zufällig zum Vorschein kam, als die Broschüre bereits in das Russische, Englische, Hebräische und andere Sprachen übersetzt und auch in deutscher Sprache wiederholt neugedruckt war, während die Exemplare der Originalauflage bereits zum Gegenstand des Sammeleifers von Bücherfreunden geworden waren. Damals blieb die Broschüre in Deutschland unbekannt und unbeachtet. Dagegen rief sie einen gewaltigen Sturm• bei den russischen Juden hervor, und die Ausdrücke Pinskers wurden bald zu Schlagworten im Munde der Jugend. Pinsker behandelte die Judenfrage als eine Krankheitserscheinung. Der Antisemitismus ist die Judephobie der Völker, eine Krankheit, die nur dadurch zu heilen wäre, dass man die Juden aus der Nähe der Kranke» entferne, Der Judenhass ist unausrottbar, eine Idiosynkrasie der Völker. Er ist eine Psychose. A,ls Psychose ist sie erblich. Als eine seit zweitausend Jahren vererbte Krankheit ist sie unheilbar. Ob diese Judophobie