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Jüdische Rundschau · 1906-10-26 · 21 (26.10.1906) · p. Seite 170

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
II.1906
Issue
21 (26.10.1906)
Date
1906-10-26
Page
Seite 170 (sequence 2)
Language
German
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170 LITERATURBLATT No. 21 dessen Politik der Zurücksetzung ungetaufter und der Bevorzugung ge־־ taufter Juden Hand in Hand geht mit der jährlichen Bewilligung, die noch heute alljährlich beide Häuser, ddr Regierung und des Landtages, der Judenmission aus den Steuern machen, zu denen die Juden nicht minder als die Christen beitragen, hoch immer seinen Juden gezeigt,■wie unvorteilhaft es ist, dem alten Judenstamme in unverbrüchlicher Treue anzu hängen, während getaufte Juden sich zu Tausenden in hohen und allerhöchsten Stellungen befinden. Als daher der Antisemitismus über Nacht hereinbrach, von! der ultramontanen Partei gesät und von der orthodoxen Richtung de!r protestantischen Landeskirche sorgsam gehegt und gepflegt, bewirkte er keine Erstarkung des Judentums durch den natürlichen Widerstand des Angegriffenen, sondern machte die Juden ängstlich. Da die An• tisemiten sehr klugerweise die Losung ausgaben, dass sie die ״lieben jüdisehen Mitbürger“ keineswegs angreifen, sondern nur veranlassen wollen, ihre jüdischen Unarten zu verlassen, so fand durch diesen Antisemitismus jene sich wahrheitswidrig ״liberal“ nennende Partei, die in der Abstreifung alles Jüdischen für sich und ihren Stand alles Heil sah, die grösste Förderung. Der ausbrechende Antisemitismus־ vernichtete auf Jahre hinaus alles nationaljüdische Streben in Deutschland. I!1 Russland dagegen, wo die Masse des Volkes eine andere Sprache als die. slavische Umgebung sprach, wo sie sich gegenüber den Muschiki als das Kulturvolk fühlen konnte, wo endlich der plötzliche Umschwung und die rohe Gewalt der südlussischen Pogrome sie einen Blick in den Abgrund tun liess, der zwischen ihnen und den rechtgläubigen Russen gähnte, der nicht durch eine vierhundertjährige Geschichte des Protestantismus und durch eine hundertjährige Beteiligung an der Volkskultur wie in Deutschland einigermassen gemildert war, riefen die Judenverfolgungen den Nationalismus der Juden wach, der seit zwei Jahrzehnten von den besten und einsichtigsten Freunden der jüdischen Nation gehegt war. Die vertrockneten Tränen in den* Gebetbuche des alten Rabbi wurden wieder lebendig und die Strömie vor* Blut und Tränen, die den russischen Juden abgepresst wurden, bildeten die Quelle einer nationalen Sehnsucht nach einer Zeit, in der es keine Schande mehr sein sollte, ein Jude zu sein, nach einem Lande, in dem die alte Nation wieder ebenbürtig unter und neben den Nationen stehen sollte. Die dumpfe und stumpfe Stimmung, die auf die Aprilpogrome des Jahres 1881 folgte, verwandelte sich in eine zuversichtliche Arbeit, die der Selbst- Hilfe gewidmet war. Hatte man noch bis vor kurzem geglaubt, diass vor einem Fortschritt in Russland, von den liberalisierenden und sozialistischen Parteigruppen eine Zeit der Freiheit kommen könnte, so räumten die Juden- Verfolgungen, an dienen in Vielen Orten die Sozialisten (Nihilisten) aktiv als Leiter beteiligt waren, denen die liberale und intelligente Bürgerschaft md Schadenfreudie zusah, für ein Jahrzehnt mit dieser falschen Hoffnung auf. Selbsthilfe wurde die Losung. Inzwischen fluteten viele Zehntausende von Flüchtlingen über die Grenzen und über das Weltmeer, um zu einem nicht geringen Teile mit den Geldern, die zur Unterstützung der Geplünderten und Auswanderer gesammelt waren, repariert zu werden.

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