Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- II.1906
- Issue
- 20 (19.10.1906)
- Date
- 1906-10-19
- Page
- Seite 165 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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No. 20 LITERATURßLATT 165 Nachlass •des jungen Dichters. Blasse Phrasen hat er nie geschrieben, dazu hatte er auch! keine Zeit. Um zu zeigen, dass ich mit meiner Meinung über den Wert der Lyrik meines Freundes nicht allein stehe, sei mir gestattet, aus einer massgebenden Kritik einiges auzuf iihren: *) Die dichterischen .und literarischen Erzeugnisse Manes sind die Novelle' seines Lebens. Nach dem herzinnigen Inhalt, dem warmen Tan und der schönen Form hätten sie׳ unzweifelhaft einen ansehnlichen Platz in jeder Literatur einger.ioimmen; in jder neuhebräischen Literatur . aber, die jedes grösseren lyrischer. Talents bar ist, bilden diile Gedichte von Marie eine imposante Erscheinung. Von allen poetischen Formen ist es in der Renaissance der neuhebräischen Literatur der Lyrik am wenigsten geglückt. Sie ist quantitativ und qualitativ weit zurückgeblieben. Worin die Ursache dafür zu suchen ist, ob in der spezifischen Richtung des. jüdischen Geistes, der dem Gedanken mehr Gewicht gibt als dem Gefühl, der Beobachtung mehr als (der Intuition!, oder in den Verhältnissen des jüdischen Lebens!, die sehr wenig dazu angetan sind, die Entwicklung der Literatur im. Gebiet der schönen Künste zu begünstigen, das zu erörtern, ist nicht Zweck unserer Besprechung. Es bleibt uns aber die Tatsache, dass bei der grossen׳ Mehrheit unserer Lyriker die Abwesenheit jener Unmittelbarkeit, die die herrlichste Zierde der lyrischen Poesie ausmacht, sogleich zu merken ist. Unsere Lyrik ist vorzugsweise eine Poesie der Motive bürgerlicher Art, die nicht der seelischen Bewegung entstammen. Lind in den seltenen Fällen, in denen bei manchem unsrer Lyriker jene Motive erklingen, die der! Inhalt der Lyrik auch bei den anderen Kulturvölkern bilden, kennzeichnen sie nnr mühevolle Nachahmung. Die Einfachheit und Innigkeit fehlen den meisten Lyrikern hebräischer Zunge. Eine glückliche Ausnahme unter!ilhnen bilden M. Lebensohn und M. Mane, deren Dichtung eine Poesie iiires eigenen inneren Sinnes und Lebens ist. Ueber unserer Lyrik waltet aber ein böses Verhämgms: der Tod raubte uns früh Lebensohn, dasselbe neidische Geschick raffte auch Mane vorzeitig dalun. In den Erzeugnissen ׳,dies einen wie des anderen erklingt uns ausser dem unverfälschten Gefühle und der Herzlichkeit des Tones, gar lieblich jenes unbestimmte, süsse Träumen, das den unbesinglichen Reiz des jungen Talents bildet. Zwei Grundmotive ziehen durch! sämtliche. Gedichte Manes. Der erste ist der Schmerz, nicht etwa der ״Weltschmerz“, sondern selbst durchlebter Sehnterz. Dazu trugen die schweren Erfahrungen seines kurzen Lebens voller Elend und Zweifel bei, und die nach wenigen Jahren des Studiums heftig zugreifende schonungslose Krankheit der Schwindsucht, die seinen schönen Hoffnungen und Entwürfen ein Ziel setzte. ״Des Lebens Ungemach wirkte auf mich mehr als eines Lehrers Anleitung — schreibt Mane in einem Brief — die Drangsale des Daseins trieben mich fort aus dem tätigen Leben in die Wdlt der Phantasie und Einsamkeit. Dort fand ich *) Des Rechtsanwalts und Literaten S. M. Ginsburg im Monatsheft (SeptembDr 1897) der russisch-jüdischen Intelligenz WOSKHOD.