Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- II.1906
- Issue
- 20 (19.10.1906)
- Date
- 1906-10-19
- Page
- Seite 164 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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164 LITERATURBLATT No 20 Sein inniges Verlangen war endlich erfüllt, er hatte di!e1 Möglichkeit, sich dem Studium der schönen Künste unter Anleitung grosser Meister zu widmen. Hoffnungsfreudig sind diie Zeilen, die uns von seinem ersten Aufenthalt an der Stätte der Kunst berichten. Seine materielle Lage war dabei keineswegs beneidenswert. Mit einem kleinen Stipendium, das ihm ein Mäcen Arkadi Kaufmann gewährte, und mit dem knappen Honorar;, das die ihm selten in Auftrag' gegebenen Malereien für Private einbrachten״ fristete er mühsam seine Existenz. Trotz dieser äusserst ungünstigen äusseren Verhältniisse widmete sich Marne voll Begeisterung dem Studium. Natürliche Veranlagung und1 Eifer machten den armen Juden bald zu dem bestich Zogiing dier Akademie, auf den man grosse Hoffnungen setzte. Nach dem ersten Halbjahr schon wurde er von d;er ersten nach der zweiten Klasse versetzt, und nach dem zweiten Halbjahr nach der dritten Klasse. Nach einem weiteren Halbjahr wurde ihm eine hohe Anerkennung zu teil: Grossfürst Wladimir, der Präsident der Akademie, überreichte Ihm eine von der Akademie gestiftete silberne Medaille für hervorragende Leistungen. Zwischendurch arbeitete Manie an eher Vervollständigung seiner Bildüng, trieb fleiss'ig fremde Sprachen und Literatur, und las besonders viel deutsche Klassiker, zum Vorteil für seine Lyrik. Von diesen verschiedenartigdn Beschäftigungen erfahren wir durch die zahlreichen Briefe aus jener Zeit an Eltern und Freunde. Der Inhalt dieser Briefe legt Zeugnis dafür ab, dass die geistigen Arbeiten des Jünglings nicht unfruchtbar geblieben sind. Der Kreis der ihn interessierenden' Fragen, die indam Maler und Dichter eine lebhafte Geistesarbeit anregten, wird immer grösser und1 vielfaltiger. In ׳seinen Briefen finden wir wertvolle und originelle Bemerkungen über Fragen der Kunst!, Literatur und des gesellschaftlichen Lebens. Er vergegenwärtigt uns den Lessing’schen Spruch: ,.Ein Jüngling wie׳ ein Mann!“ Das neue Int! er esse verdrängte nicht seine Liebe zur alten Sprache ui di Literatur dies Judentums. Die lebhafte Aufmerksamkeit, die sein Gönner, der greise Arkadi Kaufmann, ein Kenner und Gönner der Kunst und der hebräischen Literatur, ihm schenkte, ermunterte ihn zur Fortsetzung dichterischer Tätigkeit. Bedeutenden Eintluss übten auf ihn die Dichtungen des modernen hebräischen Meisters Leon! Görden, den Mane persönlich kennen lernte. Mane dichtete nicht viel, jede Strophe aber atmet Innigkeit. Auf die Vorwürfe seiner Freunde, weshalb er Gedichte so selten produziere, antwortet Mane: ,,Ich! kann nicht begreifen, wie man ein Gedicht schreiben soll, wenn poetische Begeisterung fern liegt, und tausenderlei Umstände den Gedanken in andere Gebiete stossen, die mit poetischer Schöpfung nichts gemein haben. Es ist leicht gesagt, schreibe ein Gedicht, die Ausführung aber ist schwer. Das kann nur Reime rteien ergeben, die ohne Geschmack und Reife sind.“ Aehnlich bemerkt er seinem Vater: ״Es. ist nicht möglich, ein Gedicht auf Bestellung zur beliebigen Stunde zu dichten, dazu ist ein geeigneter Moment durchaus notwendig, wenn dem Dichter die Eingebung kommt.“ Dass das keine blosse Phrasen sind, bestätigt der literarische