Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- II.1906
- Issue
- 20 (19.10.1906)
- Date
- 1906-10-19
- Page
- Seite 163 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 2a 163 LITERATURBLATT der richtige Platz. Er eignete sich den klassischen hebräischen Stil an, der namentlich von dien YVilnaer Hebraisten geipflegt wurde, und gewann grosse Eormangewandtbeit. Zu gleicher Zeit ■fand Mane innerliche Erfrischung durch die kräftigen Eindrücke d(3!r malerisch schönen Umgegend Wilnas. Mane zählte zu den grossen Dichter- und Malernaturen,, die das geheimnisvoll trauliche Blätterrauschen des Waldes verstehen, für die Pracht von Flur und Hain, von Berg und Tal Empfänglichkeit besitzen. An den schönen Ufern der Wilija entdeckte der Jüngling eine neue Welt, die alte und ewig neue Welt der majestätischen Mutter Natur, die der Begeisterte bisher nur im Traum gieischaut. Seinem Entzücken gab er dichterischen Ausdruck, und in seinem ersten ].Jedem aus dem Jahre 1879 findet er herrliche Töne für die Freude, die ihm aus der bis dahin ungeahnten Gemeinschaft mit der Natur er floss. Auf den Bergeshühen und in der Einsamkeit des Waldes fühlte sich Mane heimisch, und; darum ist sein IJed ein Ausdruck eigener Empfindung, was nicht von allen neutoebratschen Lyrikern gesagt werden kann. Tiefe Innigkeit, edles Verständnis, für alles Schöne lag bereits in seinen ersten Versuchen, Schon den Knaben küsste die Muse, die altehrwürdige Sprache flüstert uns in allen Liedern ihres Dichters zu: ,.Schau, ־der Duft meines Sohnes ist wie der Duft eines von Gott gesegneten Feldes!“ Seine materiellen Verhältnisse waren noch immer äusserst bedrückte. In den Briefen an die Seinen klagt er über bittere Not, der Aermste musste das Notwendigste entbehren. Gegen Ende seines Aufenthalts in Wilna besserte sich seine Lage ein wenig. Er bekam Bestellungen auf Porträts, wenn auch selten und giegen dürftige Bezahlung. In einem Brief an die Eltern teilt er voller Freude mit, dass!er nun in der Lage sei, die ״Klaus‘ zu verlassen und eine Kammer selbständig für monatlich 1 Rubi. 25 Kop. zu mieten. Sehr komfortabel musste es nicht gewesen sein. Aber auch das war von kurzer Dauer. Aus pekuniären Rücksichten musste er ■seine Wohnung auf geben und nach der .,Klaus“ zurückkehren. Erschöpft vorn Not und Sorgen, erkrankte er hn Frühjahr 1880. Noch nicht völlig hergestellt, widmete er ich. aufs neue geistigen Arbeiten, und zum Beginn der Sommerferien legte er glänzend sein Entlassung%Examen aus der Zeichenschule ab, um nach Petersburg zu gehen, wo er die Akademie der Künste besuchen wollte Einen Widerhall der schweren Bedenken, die den armen Jüngling vor der Abfahrt in ■die ferne Hauptstadt quälten, finden wir in seinem herrlichen Gedicht 2'Jy הגיוני das er beim Spaziergange in der Umgegend seines Heimatstädtchens dichtete. In Petersburg angelangt, legte er mit Auszeichnung das Eintritts- Examen für die kaiserliche Akademie der Künste ab und wurde immatrikuliert. Dabei möchte ich bemerken, dass zum Eintritt in diese Hochschule selbstverständlich auch ein Examen in wissenschaftlichen Fächern gehört. Der arme Jüngling, der keinen systematischen Unterricht genossen, nicht einmal eine Elementarschule besucht •hatte, auch nie einen Lehrer gehabt, bestand die wissenschaftliche Prüfung. Einem jüdischen ״Orem Bochur‘־ war eben auf dem Gebiete des Lernens nichts unmöglich.