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Jüdische Rundschau · 1906-10-11 · 19 (11.10.1906) · p. Seite 154

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
II.1906
Issue
19 (11.10.1906)
Date
1906-10-11
Page
Seite 154 (sequence 2)
Language
German
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154 LITERATURBLATT No. 19 einmal sind! es aber Dornen, die ihm sein Herz zerreissen. Die ״Allotria“, die Jungmann treibt, sind solche Dornen, an dienen er sich sein Herz wund -gerissen hat. Sind es doch die allerschilimmsten!Blüten, die das Exil treibt, an denen Jungmanns sich zum Gedicht wandelt. Die hässlichen und lächerliehen Gestalten, die angeblicher Liberalismus im Judenvolke entstehen lässt, sind der Anlass zu den Versen, die auf unsere Lachmuskeln unwiderstehlich wirken, weil sie die traurigsten Kapitel aus unserer traurigen Zeit in ihrer ganzen Hohlheit und Lächerlichkeit zeigen. Dass Prof. Ludwig Geigers liberale Gesinnung und ihre Betätigung in der jüdischen Gemeinde Berlins in Jungmanns Versen in geeigneter Weise besungen werden, ergibt sich daraus von selbst. Die grössten Feinde unseres Volktums, die in der Wut,, das Judentum abzubaueu, mit einander wetteifern, erhalten von Junigmann die würdigen Denksteine. So sind Prof. Geiger und der Zar in einer Reihe von Gedichten, der Wiener Bürgermeister Lueger entsprechend seiner in diesem Sinne geringeren Wirksamkeit nur in einem Gedichte vertreten. ״Dem Zaren gewidmet“ is tein eigener Abschnitt von acht Gedichten, in dnen die Verlogenheit und Heuchelei der russischen Staatsraison, wenn man dabei von Raison reden darf, in weit helleres Licht gesetzt wird, als das in noch so eleganten und gründlichen Artikeln möglich wäre. Und in seinem ״Sinnen und Sehnen“ hat der Spötter Jungmamn so weiche Töne■ angeschlagen, dass nur der merkt, dass derselbe Jungmann der Dichter ist, der den klugen Hans in seiner!erfolgreichen Bewerbung um die Gemeindebibliothekarstelle besingt, der Jungmanns Eigenart und tiefes Gemüt einigermüssen bereits kennt. Ein grosser Teil dieser Gedichte hat uns ja bereits erfreut, als sie frisch unter dem Eindrücke der Ereignisse im SCHLEMIEL standen, aber erst in ihrer Sammlung zusammen mit den anderen uns bisher V unbekannten Kindern Jungmannscher Muse rufen sie den vollen Eindruck hervor, der sich dauernd ins Herz schreibt. Das Jungmannsche Herz freilieh, dessen weicher und tiefer Gemütsart wir diese oft herben und gar nicht weich klingenden Verse verdanken, hat mehr von der Härte und der• Grausamkeit des Geschicks gelitten, als man dem Humor anmerken möchte, der sich scheinbar heiter und fidel über das Ungemach ergeht, das persönlich und national den Dichter so schwer betroffen hat: Mein Herz. ״Mir haben die Sorgen ein grosses Loch lins Herz hineingefressen; Da hat meine Mutter den langen Tag An der Nähmaschine gesessen Und hat es mit Fäden von Hanf geflickt — Nun pocht es wieder und tickt es, Nun hab' ich wieder ein ganzes Herz, Aber freilich nur ein geflicktes.“ In Jungmann ist der deutschen Judenheit ein ganz eigenartiger und höchst begabter Dichter erstanden, der schon jetzt sich einen dauernden Platz in der jüdischen Literaturgeschichte sich seinen Platz erobern und be-

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