Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- II.1906
- Issue
- 16 (27.7.1906)
- Date
- 1906-07-27
- Page
- Seite 131 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/8295971-9045928-8238361--341-8189978- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No. 10 __ LITERATÜRBLATT _31נ sdien und kujlurelien Lehens des Judentums umfasst, dank alledem ist es 1 och bis jetzt möglich., dass man vom Reichtum des Judentums spricht. Das Merkwürdige ist, dass solche Ansichten von Leuten geäussert werden״ die den Juden absolut nicht feindlich gesinnt sind, d. 11. dass die Macht des Märchens sich auch auf sie erstreckt. Wir hätten nichts dagegen, wenn das Tatsache wäre. Aber unter den obwaltenden Verhältnissen klingt es wie Ironie, wie böser Spott über die gesamte russische Judenheit. Die russische Judenschait hat sich nie durch Wohlhabenheit ausgezeichnet. In den letzten fünfundzwanzig Jahren aber wird sie systematisch ruiniert, ist sie der Armut ausgesetzt, hat sie keine einzige gesunde Klasse. Von Schmerzen gequält wirft sie sich nach allen Seiten׳, sucht drüben über dem Ozean eine Rettung vor Schande, Unterdrückung, Erniedrigung, Hunger und da redet man von jüdischen! Reichtum!! Das iist ein schreicnder Spott! Anders kann man das Märchen, das noch zu unseren Zeiten verbreitet wird, nicht nennen. Schon; die Auswanderung allem, die für die russische Judenheit chronisch geworden ist und in den letzten Jahren geradezu erschreckende Dimensionen angenommen hat, sollte einen mehr als kräftigen Beweis für die Grösse des ״jüdischen Reichtums“ liefern. Man muss noch dazu wissen, was für eine Reihe Qualen, physischer wie moralischer, der Auswanderer ausstehen muss, bevor er ״drüben“ ankommt. Man muss wissen, was ihn ״drüben“ während der ersten Jahre erwartet! Der ganze Weg von der Kanzlei des Gouverneurs, bis zürn neuen Helm ist für den jüdischen! Auswanderer mit den schrecklichsten Qualen gepflastert. Und wenn jährlich hunderte von Tausenden Juden des. Ansiedeluiigsirayous sich entschHessen, auszuwandern, indem sie ihre altangesessenien Nester verlassen ־-- so sind diese Nester gar nicht so gemütlich; und verlockend. Was aber noch trauriger ist, ist dass die Aus- \va dernden beneidet werden. Ihr Schicksal beneiden Hunderttausende von Potential-Auswanderern, die in ihrem abgebrannten Heini bleiben müssen, nicht weil sie sich nicht entschliessen können, sondern weil sie keine Mittel haben, irgend einen Hafen zu erreichen. In! den letzten drei; Jahren wanderten nach Amerika und anderen Ländern nach der offiziellen Statistik etwa 400 000 Personen aus. Ziehen wir in Betracht, dass die Auswanderung' nicht überall regelrecht registriert wird — so haben wir eine Ziffer von rund einer halben Million! Ein anderer Beweis .des Reichtums der russischen Juden ist der Koeffizient der Handwerker, der mit jedem! Jahre nicht nur Verhältnis״ massig, sondern auch absolut wächst, trotz der Auswanderung. So war im Jahre 1887 der Prozentsatz der jüdischen Handwerker (in Bezug auf die ganze jüdische Bevölkerung) 11,7, im Jahre 1898 schon 14,1״ während in Deutschland, wo das Handwerk blüht, die Zahl der Handwerker nicht einmal 6—7 Prozent der Gesaintbevölkerung übersteigt. Man könnte auf den Gedanken kommen, die Handwerkerarbeit werde nu Ansiedelungsrayon gut bezahlt und damit werde■ das Vorher gesagte erklärt. Die. Tatsachen sprechen aber dagegen. ״Diie grosse Mehrzahl der jüdischen Handwerker d e s A 11 s i e d e I u n g srayons befindet sich an der Grenze der Armut“ — zu