Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- II.1906
- Issue
- 14 (6.7.1906)
- Date
- 1906-07-06
- Page
- Seite 114 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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114 LITERATURBLATT No. 14 kunit der Kreuzesreligion. Sie begegneten sich; mit den Forschungen des amerikanischen Gelehrten Will i! a m Benjamin Smith,*) der von Fach Mathematiker, sich immer mehr theologischen oder besser reliigionsgeschichtlichen) Studien zuwendet und e׳in neues Licht auf die bisher so dunkle Sagengeschilchte; der neutestamentlichen Urgeschichte fallen lässt. Mit geradezu! mathematischer Logik geht er seinem; Probleme zu Leibe. Mit unerbittlicher Wahrheitsliielbe bekämpft er und verwirft er׳ Meinungen, die er selbst wenige Jahre vorher noch verfochten hat. Mit kühnem Wagemute und unbeugsamer Liebe zur Wahrheit, dabei mit dem! vollen, klaren Bewusstsein der Unzulänglichkeit alles menschlichem^, historischen Erkenneins, sucht er die Steine zusammen, aus dienen, er seinen; Bau äufführen will. Mit eiserner Konsequenz ergibt sich bei :ihm deir Gedanke, dass der Jesus Christus des ursprünglichen Christentums nicht menschlicher, sondern göttlicher Art war; der König aller Könige,!der Herr aller Herrn, der Retter, der schützende Gott. Daraus ist dann! der Mensch Jesus von Nazareth entstanden. ״Von Nazareth“ ist freilich schon ungenau. Denn der Nazaräer bedeutet keineswegs ״aus Nazareth.“ Ist doch Nazareth ’überhaupt keine Stadt, die in Bibel oder Talmud, in Josephus! oder sonst irgendwelchen Quellen dieser Periode auch nur genannt wird. Die scharfsinnigen Kombinatiilonen Grätz’ und Neubauers, die im! Talmud ein Nazareth nachweisen. wollen, werden auf ihre Unzulänglichkeit unerbittlich zurückgeführt. In eine weit ältere Zeit als selbst die kreuzsymbolischen Altertümer des mykenischem Kreta führt uns das Wort Nazoraios. Das führt Smith mit derselben Akribie und gleicher geistreicher Kombination von Tatsachen durch״ wie er die Vereinigung der ursprünglich verschiedenen beiden grossen Ideen des einen, der da kommen soll (des Christus) Und des Jesus zu der welterobernden einen Idee des Jesus Christus vorführt. Man kommt in Versuchung, darüber, nachzusinnen, was grösser bei dem Hiistoriker gewordenen Mathematiker sei. die Kenntnis der einschlägigen Quellenliteratur oder der logisch und geradeaus gehende Scharfsinn, der beinahe weniger zerstört als kritisch, neu aufbaut. Wenn er das; Gleichnis vom Säemann auf die gnostischa Urform zurückführt, wonach Gott der Säemann ist, der die aus delm Logos bestehenden welterzeugenden Samenkörner aussät, so ist er sogar bei aller wissenschaftlichen Genauigkeit seiner Beweisführung so klar, dass et jedem gebildeten Laien verständlich־ werden muss. Man muss Prof. Schmiedel in Zürich dankbar sein, dass er, bei der Gegensätzlichkeit seiner eigenen wissenschaftlichen Anschauung es ve'ranlasst hat, Smiths Anschauungen und Ausführungen durch eine vortreffliche deutsche Ueibersetzung dem deutschen Publikum1 zugänglich zu machen und *) Willi Jam Benjamin Smith: Der vorchristliche Jesus nebst weiteren Vorstudien zur Entstehungsge schichte des Urchristentums. Mit einem Vorworte von Paul Wilhelm Schmiedel. Giessen: Alfred Töpelmann (vormals J. Ricker) 1906. (XIX, 243 S.) 8. Geh. 4,— Mark. Geb. 5— Mark.