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Jüdische Rundschau · 1906-06-15 · 12 (15.6.1906) · p. Seite 100

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
II.1906
Issue
12 (15.6.1906)
Date
1906-06-15
Page
Seite 100 (sequence 4)
Language
German
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100 LITERATURBLATT No. 12 sei'tigen Leben und Wirken B. D. eine ganze Kette solcher Eigenschäften, die das Judentum und seine Ethik in schönstem Masse zieren und ihn zu einem National-Juden stempelten. Ein englischer Schriftsteiler, Mm. Hubert Paul, sagt in seiner Geschichte Englands: ״Einige Leute schrieben die Art und Weise seines Verhaltens in der Frage des ״Ostens“ seinem orientalischen Temperament zu, andere -dagegen dem Zorn über die Beleidigungen, die den Juden von den östlichen Christen widerführen . . . Sein Orientalismus war ein angenehmer Teil seines Charakters. Er rettete ihn von der Sklaverei der politischen Gesetze. Viele seiner Zeitgenossen hielten solche von jedem Selbstdenken ab, sie waren Maschinen des Gesetzes, er aber war der denkende und überlegende Mensch. Für alles fand er den Grund ,die Auflösung in der Rasse. Er war weder Sozialist, noch liberal, weder gemässigt, noch konservativ, er war Jude. Julius Wertheim - Mannheim. Zum Prozesse Hilsner ״Der Laie, der eine grosse juristische Bibliothek durchwandert, wird immer ein Gefühl der Erleichterüng haben, wenn sein Blick beim, raschen Hingleiten über die Büchertitel auf den Namen einer cause celebre trifft, auf einen ״Fall Dreyfus“ oder ״,Schnäbele“, auf den grossen Räuber Kneisel oder den kleinen Grafen Kwifeeki. Für den Juristen bergen diese berühmten, in mehr oder weniger genauen Berichten jedem einmal zu Gesicht oder zu Ohren gekommenen Fälle ein ernstes Problem und eine Gefahr in sich. Er denkt daran, wie viel an den Urteilen der Laien über Gesetz und Rechtspfleg'e und besonders über den Prozess und seine Handhabung durch die drei oder vier berühmten Fälle des Jahres hervorgerufen!ist; er fühlt sich verpflichtet, wenn er es mit seinem Berufe ernst nimmt, vor eiligen Schlüssen aus dem Einzelfall auf die Allgemeinheit zu warnen. Die Darstellung des Polnaer Ritualmordprozesses durch Nussbaum •ist gerade unter solchen Gedankengängen sehr lehrreich. (Der P ol n aer R i t u a 1 m 0 r d. Mit e i! n! e m Vorwort vom P-rof essor D r. F. v. Liszt. Berlin 1906, Hayn. VII. und 259 S.) Wo Nussbaum selbst das Wort hat, verdient seine Publikation das beste Lob; die lebendige, klare Darstellungsweise trifft mit dem überall durchscheinenden glühenden Gerechtigkeitssinn des Verfassers schön zusammen; er hat alle unsere Sympathien für sich, wenn er den furchtbaren Blutaberglauben des Volkes und die Schwäche der Behörden, der Richter, der Aerzte gegenüber der irrenden öffentlichen Meinung anklagt, wenn er das Opfer eines Justizirrtums zu erlösen und damit zu seinem die Schuld zu sühnen versucht, die׳ jede ungerechte Bestrafung auf das ganze! Volk häuft. Er verhehlt sich nicht, dass er mit diesem Kampf und dieser Sühne׳ eine der schwersten menschlichen Auf gäben übernimmt; ״Gross ist die, Zahl der Unbelehrbaren, grösser noch die Zahl derer, die die Stimme des Gewissens mit dem quieta non movere zum Schwelgen zu bringen vermögen. Zudem ist Hilsner eine Persönlichkeit, die sehr wenig geeignet erscheint, opferfreudige Sympathien zu erwecken. Doch es handelt sich hier nicht nur um Hilsner. Ein Sieg־ der Gerechtigkeit würde weit über den Einzelfaall hinaus ein leuchtendes Wahrzeichen bleiben; t'r würde die: Rechtspflege in Zukunft vor gleichen Verirrungen bewahren helfen. Und vor allem: ein graüen-

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