Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- II.1906
- Issue
- 12 (15.6.1906)
- Date
- 1906-06-15
- Page
- Seite 99 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/8295971-9045928-8238357--305-8189946- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No. 12 LITERATURBLATT 99 derselbe bedeutendes Aufsehen. Seine Hauptperson, die Tochter eines jüdischen Krösus von Syrien, eine wunderbare Schönheit, trägt in der Unterhaltung mit einem englischen Lord namens Tancred all die Gedanken über das Judentum, seine Entstehung, seine jetzige und seine ihm eigentlich zustehende Stellung vor, die Disraeli zu seiner Lebensanschauung gemacht und die er seinen Gegnern deutlich genug als Riehtschnür für ihr zukünftiges Verhalten vor Augen führt. Wie man schon aus David Alroy und jetzt wieder aus Tancred herauslesen muss, hat sich Disraeli zweifellos auch mit dem Gedanken beschäftigt, ob es nicht mög• lieh sei, in Palästina wieder ein jüdisches Reich zu gründen. Aber die Zeit scheint ihm noch nicht reif gewesen zu sein, umsomehr, als in seinem engeren Vaterlande die Emanzipation der Juden noch nicht durchgeführt war. Dieses Bestreben hatte er zum weiteren Ziel seiner pariamentarischen Tätigkeit gestellt — wir wären davon erstmals Ausführlicheres in seiner weithin bekannt gewordenen Bibliographie über seines politL sehen Freundes George Bentincks. Jetzt tritt ein neuer Abschnitt im parlamentarischen Leben B. D. ein. — Im Jahre 1852 nach Lord Rüssels Rücktritt wurde Disraeli Schatzkanzler des grossen britischen Weltreiches. Wie weit es der ehrgeizige Jüngling gebracht! Das Ziel seiner Wünsche war erreicht. Wohl wurde er nochmals mit seinen Kollegen gestürzt, doch dann zweimal wiedergewählt. — Im Jahre 1858 erwirkte er dann mit einer grosszügigen, begeisterten Rede, die alle freiheitlichen Männer mit fortriss, die Zulassung der Juden zum Parlamente. Ei erleote weitere Ehren: 1868 wurde er Premier-Minister und trat 1874. nachdem er vorher gestürzt, zum zweiten Male an die Spitze der Regierung, 1876 wurde er von der Känigin geadelt und als Lorod Beaconsfield ins Oberhaus berufen. Ein so begeisterter Jude Benjamin Disraeli war, ein so guter Engländer war er auch, die Stellung Englands nach aussen als erste Weltmacht war die Hauptsorge seiner Regierungsform. Auf dem Berliner Kongress vom Jahre 18h8 vertrat er sein Land mit glänzendem Erfolge. Als er heimkehrte, wurde er von den vornehmsten Männern und Frauen empfangen, aber keine Ehrung soll ihn dermassen ergriffen haben, als die Anwesenheit des 90 ׳jährigen Moses Montefiore, der ihm gleichzeitig dankte für seio maannhaftes Auftreten auf dem Kongresse bei der Regelung der rumänischen Judenfrage und ihn als würdigen Vertreter seiner Rasse pries. Damals statt der 74jährige im Zenith seines Ruhmes. Noch einige unglückliche Ereignisse im Osten Irans und Afrikas führten im Jahre 1880 zum Sturze des Kabinetts und zum Rücktritt Beaconsfields. Ein Jahr später, vor nunmehr 25 Jahren, schied er aus seinem reichen Leben, indem er auch in seinen letzten Jahren noch mehrere schriftstellerische Arbeiten von bedeutendem literarischem Werte herausgegeben. War nun. wie Montefiore zu Disraeli sagte, wirklich ein würdiger Vertreter seiner Rasse, die ihm doch, wie er so oft sagte, alles gewesen. Wir müssen es bejahen. Mag sein, dass ihm, dem unbeugsamen, ehrgeizigen Juden, ein unbedingt idealer Zug in der Wahl seiner Mittel im politischen Getriebe fehlte, wir sehen aber in dem viel-