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Jüdische Rundschau · 1906-06-15 · 12 (15.6.1906) · p. Seite 98

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
II.1906
Issue
12 (15.6.1906)
Date
1906-06-15
Page
Seite 98 (sequence 2)
Language
German
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98 LITERATURBLATT No. 12 er berief sich darauf, dass sie, als Anbeter desselben semitischen Prinzips, dessen englischer Repräsentant die anglikanische Kirche sei, zur Kirche schon wesentlich mitgehöre; das Christentum sei nach seiner Ansicht nur erweitertes Judentum und zwar ein Judentum für die Menge. Im gleichen Jahre, in seinem 35. Lebensalter, verheiratete sich Disraeli mit der reichen Witwe seines früheren Freundes, mit der er. obwohl sie 10 Jahre älter als er war, zeitlebens in der glücklichsten Ehe lebte. Im Jahre 1844 erschien dann dasjenige Werk Disraeli, welches den grössten Erfolg unter seinen Arbeiten hatte, ״Coningsby oder die Neue Generation“. Es war ein politischer Roman, politisch durch und durch, in dem ein intelligenter Jude. Sidonia. der auch nur seiner Religion wegen nicht Im öffentlichen Leben stehen kann, eine Hauptrolle spielt und — aktuell genug — als Beispiel dasteht, wieiviel Intelligenz einem Lande verloren geht, das keine Juden in den höchsten Ämtern duldet. Der Charakter dieses Juden, der seine Nationalität nicht verleugnet und stolz ist auf seine Rasse, in der ja die Nationalität gegründet, ist glänzend gezeichnet. Es erschien kurz darauf ein weiterer politischer Roman: ״Sibyl“. Aus diesem sei eine interessante Stelle für unsere Betrachtungen angeführt. ״Die römische Kirche,“ lässt der Dichter einen katholischen Geistlichen sagen, ״muss respektiert werden als die einzige noch existierende hebräisch-christliche Kirche, denn alle anderen Kirchen, die von den hebräischen Aposteln errichtet worden, sind verschwunden . . Nach wechselvollen Schicksalen in der Vertretung seiner Wahlkreise wurde er an die Spitze der Torypartei gestellt. Man sollte nun meinen, dass das englische Volk über dem jetzt schon berühmten Schriftsteller den Juden Benjamin Disraeli vergessen und in ihm nur den Menschen gesehen; aber es war dies nicht der Fall; das erste, was ihm seine Gegner bei jeder Gelegenheit vorwarfen, war seine Rasse. Und er beschloss, ihnen alle ihren lächerlichen Eigendünkel vor Augen zu führen, und zwar so gründlieh, dass sie geheilt würden von ihrem Rassenhass. Schon hatte er sich ja schon Luft gemacht in ״Conningsby“ und “Sibyl“ und es ist eigentiimlich — wäre Disraeli, der eben trotz seiner Taufe immer noch als Jude galt, Assimilationsjude gewesen, er hätte versucht, sein Judentum, sein jüdisches Gefühl zu ersticken, so suchte er es bei jeder Gelegenheit wieder hervor, ja es war sein bewusstes Judentum in ihm so ׳stark geworden, dass es ihn mit überwältigender Kraft nochmals hinzog zu der Stätte, von wo aus er die in ihm wohnende Stärke ausgehen fühlte, nochmals nach Palästina. In dieser Zeit, anfangs der 40er Jahre, hat so mancher Jude sein verlorenes Zusammengehörigkeits-Gefühl wieder gefunden, denn 1841 begannen in Damaskus die traurigen Judenverfolgungen, die sich leider bald auch auf die Nachbarländer erstreckt hatten. Unter diesem niederdrückenden Eindruck stand Disraeli, als er wiederum am Libanon stand. Unter diesen Gefühlen schrieb er auch jetzt wieder einen jüdischen Roman. Die Trilogie ..Tancred oder der neue Kreuzfahrer“. Der Roman hatte den gewünschten Erfolg. Nicht nur in jüdisehen, nein, insbesondere in den Kreisen seiner politischen Gegner machte

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