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Jüdische Rundschau · 1906-05-25 · 11 (25.5.1906) · p. Seite 91

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
II.1906
Issue
11 (25.5.1906)
Date
1906-05-25
Page
Seite 91 (sequence 3)
Language
German
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No. 11 LITERATURBLATT jüdische Sklaven der italienischen Landgüter und jüdischen Proletarier Roms zu. Er nimmt an, dass in den jüdischen Proletariermassen Italiens allmählich, insbesondere nach der Zerstörung Jerusalems durch Titus, das jüdische Nationalbewusstsein dem proletarischen Klassenbewusstsein gewichen sei, dass sie enge Fühlung zu den nichtjüdischen Proletariern genommen und so mit der Zeit durch griechische und römische Vorstellungen beeinflusst eine internationale proletarische Moral, eben die christliche Moral, herausgebildet hätten, die schliesslich den Sieg über die herrschende Moral und Kultur davontrug. ״So müssen wir das werdende Christentum als eine soziale Bewegung grossen, ja grössten Stils, betrachten, m der eine elementare Kraftentfaltung einer auswärts ringenden, unterdrückten Menschenklasse den Anstoss gegeben. Die Geschichte dieses Kampfes, das ist die Geschichte Christi, eine Geschichte, die durch Jahrhunderte sich hindurchzieht. Kalthoff ist der Ansicht, dass die Christusgestalt der Evangelien in ihrer übermenschlichen Grösse und mystischen Unwirklichkeit nicht eine historische Person, sondern das Symbol der Kirche selbst sei. Die Christliehe Gemeinde schildere in den Evangelien im Christus personifiziert, ihre eigene Geschichte, ihr Anwachsen, ihre Verfolgungen und ihren endlichen Sieg, etwa wie Jesaja- (Cap. 42 ff.) in dem leidenden Knecht Gottes das jüdische Volk symbolisiert, eine Darstellung, die auf die späteren SHiriftsteiler grossen Einfluss ausgeübt hat. Verschiedene Rassentheoretiker haben behauptet, Jesus könne kein reinrassiger Jude gewesen sein, da in den Evangelien manche nichtjüdLchen Darstellungen enthalten seien. Kalthoff löst das Rätsel einfach dadurch, dass er annimmt, dass diese Vorstellungen nichtjüdischen Gedankenreihen entstammten und von Ariern (Griechen oder Römern oder Persern) ein־ gebracht seien. Von christlicher Seite wird uns häufig der Vorwurf gemacht, dass wir Jesus nicht in unsere Geschichte einbezögen. Tatsächlich aber ist es unmöglich darin hat Kalthoff sicherlich recht, — die Person Christi, wie sie in den Evangelien geschildert wird, und den sozialen und politischen Hintergrund der Evangelien in den Rahmen der ganz anders liegenden Verhältnisse Palästinas hineinzufügen. Die Ansichten Kalthoffs weckten erregten Widerspruch, nicht nur bei den orthodoxen Protestanten. Obwohl in Deutschland die liberalen Protestanten häufig Massregelungen seitens der Kirchenbehörden ausgesetzt sind, waren es gerade liberale Protestanten, die die Absetzung Kalthoffs verlangten, so dass sie sich eine Lektion bei dem im allgemeinen doch auch ״liberalen“ Berliner Tageblatt holten. Auch wir haben ja häufig genug Gelegenheit gehabt zu bemerken, dass die Liberalen die, Toleranz so lange als ihre Domäne ansehen, als sie ׳von den Orthodoxen angegriffen werden, dass sie aber auch verketzern, wenn ihrem dogmätischen Rationalismus das pulsierende Leben, ihrer individuellen Betrach־ tungsweise die soziale entgegengesetzt wird. Es wurde Kalthoff besonders vorgeworfen, dass er lehre, Jesus habe niemals existiert. Hiergegen wandte er sich mit Erfolg. Es wäre sehr

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