Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- II.1906
- Issue
- 11 (25.5.1906)
- Date
- 1906-05-25
- Page
- Seite 90 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 11 •'0 LITERATU RBL ATT hierarchischen Organisation. Der unfehlbare Papst vermag die Kirche veränderten Zeitverhältnissen anzupassen. Er ist an die Worte der Evangelien nicht gebünden. Diese selbst sind für den Katholizismus Produkte der Kirche und der Tradition nicht überlegen. Luther brach mit diesen Autoritäten. Er verwarf das Papsttum und die Tradition. Er ging zum ״Urquell“ des Christentums, den Evangelien, zurück und legte sie der evangelischen Kirche zu Gründe. Um so fester klammerte er sich an sie und die Person Jesu als die einzige Autorität des Protestantismus. ״Das Wort sie sollen lassen stahn.“ Hier setzt Kalthoff, in vielen den Spuren Lessings folgend, mit Kritik ein. Was für das Alte Testament recht gewesen sei, müsse auch für das Neue billig werden. Es sei nicht angängig, im Christentume lediglich die Intuition eines von seiner Zeit und seinem Volke losgelösten Individuums zu sehen. Eine derartige Auffassung würde allen historischen Erfahrungen widersprechen, es wäre auch unbegreiflich, wie denn das Christentum eine so grosse Verbreitung habe finden können. Das Urchristentum sei nicht nur eine Religion, sondern auch eine soziale Erscheinung gewesen. Und wie das Leben ursprünglicher sei als die Schule, so habe die Abfassung der Evangelien, die die Anschauungen einer bestimmten sozialen Klasse enthielten;, die Bildung der christlichen Gemeinschaftsgesinnung, der ״Kirche“, zur Voraussetzung. Darin habe der Katholizismus recht. Kalthoff nimmt nun prinzipiell an, dass die christliche Gemeinde, die später ihre Anschauungen in den Evangelien niedergelegt habe, sich nicht in Palästina, sondern in Italien gebildet habe. Er weist im einzelnen, wie ich glaube, unwiderlegbar, nach, dass die in den Evangelien geschiiderten sozialen Verhältnisse nicht auf die Zustände in Palästina, sondern aut die in Rom passen. Der soziale Hintergrund der Evangelien ist der Kampi der Armen gegen die Reichen. Dieser scharfe Klassenunterschied bestand zu jener Zeit in Palästina nicht, wo im allgemeinen geordnete Wirtschaftliehe Verhältnisse waren. Wohl aber bestand er in Italien. Dort führte der Grossgrundbesitz zu einer Entvölkerung des Landes. Während auf den grossen Gütern die Sklaven zu den härtesten Arbeiten angehalten wurden, bildete sich in Rom neben einer wenig zahlreichen, prassenden Oberschicht ein gewaltiges, mangels jeglicher Grossindustrie beschäftigungsloses, lungerndes Lumpenproletariat, das mit Brot und Spielen gespeist wurde. Ferner setzen sich die Evangelien über alle nationalen Schranken hinweg. Auch fü'r eine derartige kosmopolitische Anschauung fehlten damals die Voraussetzungen in Palästina. Gerade damals bestand dort der denkbar schärfste nationale Gegensatz zwischen den Juden und den Römern, der zu den blutigsten Kämpfen führte, nicht am wenigsten in der angeblichen Heimat Jesu, in Galiläa, Ereignisse, die in den Evangelien nirgends wiederklingen. Dagegen war in Rom, wo Söhne aller Völker zusammenwohnten, günstiger Boden zur Bildung internationaler Gesinnung. Die führende Rolle in der allmählichen Bildung der christlichen Gemeinschaftsgesinnung unter den gedrückten unteren Volksschichten Italiens weist Kalthoff den geistig regsamen, von Messiashoffnungen erfüllten