Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- II.1906
- Issue
- 10 (4.5.1906)
- Date
- 1906-05-04
- Page
- Seite 83 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 10 LITERATURBLATT 83 Literaturbericht Die sozialen Verhältnisse der Juden in Russland. Auf Grund amtlicher statistischen Materials bearbeitet vom Bureau für Statistik der Juden zu B e r 1 i n - Halensee im Aufträge des Zionistischen Aktionskomitees. — Jüdischer Verlag. Berlin-Charlottenburg 1906. Preis 2 Mark. Diese Broschüre, welche den Mitgliedern der Brüsseler Konferenz vom Zionististischen Aktiens-Komitee überreicht wurde, hat die Absicht ״der für den 29. Januar 1906 nach Brüssel Unberufenen Konferenz sämtliehen statistischen Materials bearbeitet vom Bureau für Statistik in Russland die nötigen faktischen Unterlagen für ihre Verhandlungen“ zu bieten. Dr. A. Ru pp in, der Leiter des genannten Bureaus, hat sich dieser Aufgabe mit grossem Geschicke entledigt. Bei der einleitenden Definition des Begriffes ״Juden“, welcher in Beziehung auf die Zugehörigkeit zur jüdischen Religionsgemeinschaft oder diejenige zur jüdischen Nationalität — hier Sprachgemeinschaft — ge braucht werden kann, weist R. darauf hin, dass Russland der einzige Staat ist, welcher den Juden den Charakter einer Nation offiziell beilegt. Die Zahl der Angehörigen beider Kategorien ist annähernd dieselbe. Die stoffliche Gliederung gibt R. in 11 Kapiteln: 1. Örtliche Verteilung und Dichtigkeit; 2. Die Auswanderung. 3. Verteilung auf Stadt und Land; 4. Geburten, Eheschliessungen, Sterbefälle; 5. Das Geschlechts- Verhältnis; 6. Altersgliederung und Familienstand; 7. Sprache; 8. Eiementarbildung; 9. Höhere Bildung; 10. Die Berufsverhältnisse; 11. Körperliche Gebrechen und Geisteskrankheiten. Es ist nicht möglich, das ungeheure Material, welches in diesen Kapiteln niedergelegt, und welches ebenso geschickt präzisiert wie sorgfaltig kompiliert ist, im einzelnen zu besprechen. Der Nationalökonom wird dort ebenso wertvolles Material finden wie der Hygieniker. Dit Statistik hat ja keinen Selbstzweck, sondern soll das Gerüst sein, in dem der Fachgelehrte seinen wissenschaftlichen Bau errichtet. Deshalb ist bei der Besprechung einer Statistik vom kritischen Standpunkt aus in der Hauptsache nach der Sicherheit der Zahlen zu fragen. Fast durchweg hält sich der Verfasser dieser Schrift an die amtlichen Statistiken; hier und da ist er zu Interpolationen genötigt, wo das statistische Material versagt; hier und da auch zur Abänderung der amtlichen Zahlen, wo Verhältnisse mitspielen, welche die offizielle Statistik nicht zu berücksichtigen in der• Lage ist (wie beim! Verhalten der gemeldeten, Knaben- und Mädchengeburten zu einander). Wie weit diese Interpretationen statthaft und zutreffend sind, lässt sich natürlich nicht sicher entscheiden. Wer gerade diese Zahlenreihen benutzen will, wird sich darüber von Fall zu Fall schlüssig machen müssen. — Es sei erlaubt, einige Zahlen von zionistischem Interesse an dieser Stelle wiederzugeben. Nach der letzten Volkszählung in Russland (28. Januar 1897) betrug die Zahl der Juden 5 215 805 Seelen. Da dit natürliche Vermehrung ziemlich genau 100 000 pro Jahr ausmacht, so würde die Bevölkerungsziffer bis Januar 1906 900 000 Köpfe mehr betragen. Diesem Zuwachs steht aber der Verlust durch Auswanderung in Höhe von 428 500 Seelen gegenüber, so dass für den Anfang dieses Jahres die jüdische Bevölkerung Russlands auf 5 687 000 Seelen zu schätzen ist. — Das wichtige Kapitel über die Auswanderung leidet unter der Mangelhaftigkteit oder Verschiedenheit der Statistiken der Einwanderungsländer. Wenn also auch die hier gegebenen Zahlen nicht völlig genau sind, so geben sie doch einen ungefähren Überblick über die Grösse und Zusammen- Setzung des Emigrantenstromes. Mit 1881, den! Jahre, in welchem Ignatieff,